Projektorientierter Unterricht (PU) in der Jahrgangsstufe 9 bietet eine spannende Möglichkeit, Schülerinnen und Schüler aktiv in ihre Lernprozesse einzubeziehen und sie auf ihren Lernwegen zu begleiten, ohne dass die Lehrkraft sowohl den Inhalt als auch das zu entstehende Produkt vorgibt.
Uns gelingt dieser Spagat zwischen Lehren und Lernen in einem zweistündigen Format, das fächerübergreifend gestaltet ist. Hierbei können unsere Schülerinnen und Schüler verschiedene Perspektiven auf ein Schlüsselthema einnehmen und die Inhalte auf vielfältige Weise verknüpfen.
Ein zentraler Vorteil des projektorientierten Unterrichts ist seine Prozessorientierung. Anstatt nur isoliertes Wissen zu vermitteln, steht der gesamte Lernprozess im Vordergrund, frei nach dem Motto: Der Weg führt zum Ziel.
Im PU lernen sie nicht nur, sich mit reinem Inhaltswissen auseinanderzusetzen, sondern auch wichtige Kompetenzen zu erlangen, wie Teamarbeit, eigenständige Problemlösung und Selbstorganisation. Somit legen wir den ersten Grundstein für einen möglichst erfolgreichen Wechsel in die Oberstufe.
Die Schülerinnen und Schüler arbeiten dabei eigenständig. Die Lehrperson steht ihnen in diesem Format primär beratend zur Seite, was von den Schülerinnen und Schülern sehr positiv aufgenommen wird.
Allgemeines
Der Projektorientierte Unterricht (PU) am Lessing‑Gymnasium Norderstedt ist ein didaktisches Konzept für den 9. Jahrgang, das Schülerinnen und Schülern ermöglicht, selbstständig, praxisnah und fächerübergreifend an einem jährlich wechselnden, gesellschaftlich relevanten Jahresthema zu arbeiten. Statt klassischer Unterrichtsstunden stehen ein authentischer Handlungskontext, eigene Fragestellungen und ein offener Lernprozess im Mittelpunkt.
Grundprinzipien
Der PU orientiert sich an einem realitätsnahen und motivierenden Jahresthema, das jedes Schuljahr neu gewählt wird und einen Bezug zu gesellschaftlichen, kulturellen, naturwissenschaftlichen oder sozialen Fragestellungen herstellt. Die Schülerinnen und Schüler entwickeln dazu eigene Fragen, planen ihre Arbeit zunehmend selbstständig und verbinden fachliches Lernen mit praktischer Anwendung. Die Lehrkraft begleitet diesen Prozess beratend, gibt Orientierung und unterstützt bei der Reflexion, während die Verantwortung für Entscheidungen, Arbeitswege und Ergebnisse schrittweise stärker bei den Lernenden liegt.
Ablauf des Schuljahres
Das Schuljahr im PU gliedert sich in drei aufeinander aufbauende Phasen. In der Inputphase bis zu den Herbstferien werden die Schülerinnen und Schüler in das Jahresthema eingeführt, lernen grundlegende Inhalte kennen und erproben geeignete Formen der Recherche, Dokumentation und Zusammenarbeit. In der anschließenden Arbeitsphase bis zu den Osterferien arbeiten sie einzeln oder in Gruppen an eigenen Projektideen, entwickeln Produkte und überprüfen ihre Zwischenergebnisse regelmäßig. Abschließend folgt die Präsentationsphase, in der die entstandenen Arbeiten im Rahmen eines Aktionstags oder einer Vernissage vorgestellt, reflektiert und ausgewertet werden.
Kompetenzerweiterung als Ziel
Ein zentrales Ziel des PU ist die Erweiterung der Selbstkompetenz. Die Schülerinnen und Schüler lernen, eigene Interessen zu erkennen, Entscheidungen zu treffen, sich realistische Ziele zu setzen und Verantwortung für ihren Lernprozess zu übernehmen. Dazu gehört auch, mit Unsicherheiten umzugehen, Rückmeldungen anzunehmen und das eigene Vorgehen kritisch zu reflektieren.
Gleichzeitig stärkt der PU die Sozialkompetenz. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten miteinander, stimmen Aufgaben ab, treffen gemeinsame Vereinbarungen und lernen, unterschiedliche Perspektiven konstruktiv einzubeziehen. Konflikte werden dabei nicht als Störung verstanden, sondern als Teil gemeinsamer Entwicklungsprozesse, die durch Gesprächsregeln, Verlässlichkeit und gegenseitige Unterstützung produktiv bearbeitet werden können.
Darüber hinaus erweitert der PU die Methodenkompetenz. Die Lernenden recherchieren Informationen, prüfen Quellen, strukturieren Materialien, planen Arbeitsschritte und wählen geeignete Präsentationsformen aus. Sie üben, Ergebnisse nachvollziehbar zu dokumentieren und für andere verständlich aufzubereiten.Auch die Sachkompetenz wird gezielt gefördert. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich vertieft mit inhaltlichen Fragen des jeweiligen Jahresthemas auseinander, verknüpfen Wissen aus verschiedenen Fächern und wenden fachliche Kenntnisse auf konkrete Problemstellungen an. Auf diese Weise entsteht ein Lernen, das über einzelne Unterrichtsfächer hinausgeht und Zusammenhänge sichtbar macht.
Das Tuckman-Phasenmodell als Entwicklungskonzept
Für die Zusammenarbeit im PU wird das Tuckman-Phasenmodell gesondert aufgegriffen, weil es den Schülerinnen und Schülern hilft, Gruppenprozesse besser zu verstehen. Das Modell beschreibt typische Entwicklungsphasen von Teams: In der Forming-Phase orientiert sich die Gruppe, klärt Erwartungen und lernt sich in der gemeinsamen Aufgabe kennen. In der Storming-Phase werden Unterschiede, Unsicherheiten oder Konflikte sichtbar, sodass Rollen, Zuständigkeiten und Arbeitsweisen ausgehandelt werden müssen. In der Norming-Phase entstehen verbindliche Absprachen, gemeinsame Regeln und ein tragfähiges Arbeitsklima. In der Performing-Phase kann die Gruppe zunehmend selbstständig, zielgerichtet und produktiv arbeiten. Zum Abschluss eines Projekts kann außerdem eine reflektierende Abschlussphase hinzukommen, in der Ergebnisse gesichert und Erfahrungen ausgewertet werden.
Im PU wird dieses Modell nicht als starres Schema verstanden, sondern als hilfreiche Orientierung für die Arbeit in Projektgruppen. Die Schülerinnen und Schüler können daran erkennen, dass produktive Zusammenarbeit Zeit braucht und dass Klärungsprozesse, Meinungsverschiedenheiten und neue Absprachen normale Bestandteile gemeinsamer Arbeit sind. Dadurch unterstützt das Modell die Reflexion über Teamarbeit und macht sichtbar, wie aus einer Gruppe Schritt für Schritt ein arbeitsfähiges Projektteam werden kann.

