Von Michael Schick 6. Dezember 2010, Norderstedter Zeitung
Christine Marquardt aus Norderstedt wurde Zweite beim Bundeswettbewerb Fremdsprachen . Sie setzte sich gegen 3000 Konkurrenten durch

Norderstedt. Sie ist multilingual, springt spielerisch leicht von Französisch zu Italienisch. Und von dort ins Spanische oder Englische. Ganz nach Bedarf und das, obwohl sie bisher weder in Spanien noch in Italien war. Christine Marquardt ist ein Sprachtalent. Und diese besondere Begabung hat ihr zu einem unerwarteten Erfolg verholfen. Die 18 Jahre alte Norderstedterin hat den zweiten Platz beim Bundeswettbewerb Fremdsprachen belegt. Die Gymnasiastin hat sich gegen gut 3000 Konkurrenten aus ganz Deutschland durchgesetzt. Lohn für die Leistung sind 1000 Euro.

Ein bisschen stolz ist die Vizemeisterin schon. "Vor allem deswegen, weil ich mir Italienisch selbst beigebracht habe", sagt Christine, die den 13. Jahrgang des Lessing-Gymnasiums besucht. So richtig erklären kann sich die Fremdsprachenkünstlerin ihre Vorliebe für fremde Vokabeln und Grammatik nicht. Ihre Mutter hatte zwar als Schülerin auch ein Faible für Sprachen. Das war aber bei weitem nicht so ausgeprägt wie bei ihrer Tochter.

In jedem Fall fällt es ihr leicht, andere Sprachen zu lernen. Das Gedächtnis ist auf Vokabeln programmiert. Was sich andere mit Karteikarten oder anderen Methoden mühsam einprägen müssen, lernt sie vor einer Klassenarbeit mal eben so in der Pause. Da sind Bestnoten in den Sprachen nicht verwunderlich.

Doch wer sich nun eine verschrobene Streberin vorstellt, die vom Jugendalltag entfremdet im stillen Kämmerlein vor sich hin brütet, sieht sich getäuscht. "Ich bin eine ganz normale junge Frau", sagt Christine, lächelt und wirkt so normal wie viele andere Frauen in ihrem Alter. Von Arroganz keine Spur. Die Schülerin trifft sich mit Freunden und zieht am Wochenende los.



Anders als beim Altersdurchschnitt sind ihre Hör- und Lesegewohnheiten. Bücher auf Englisch und Spanisch gehören zur Standardlektüre, und wenn sie auf der weltweiten Datenautobahn unterwegs ist und auf einen ausländischen Radiosender stößt, bleibt sie schon mal hängen und hört sich an, was die Moderatoren und Reporter von BBC oder Radiotelevisione Italiana gerade zu sagen haben.

In der fünften Klasse ist sie in Englisch eingestiegen. Wie alle anderen auch. In der siebten kam Französisch dazu, wie bei vielen anderen auch. Doch während viele Mitschüler mit zwei Fremdsprachen völlig ausgelastet und gelegentlich auch überlastet sind, griff Christine zu, als in der neunten Klasse noch Spanisch angeboten wurde. Das für unsere Ohren eher hart klingende Idiom der Iberer mag sie übrigens lieber als die allgemein als wohlklingend apostrophierte Sprache der Franzosen. Und wohler fühlt sie sich auch, wenn sie Spanisch sprechen kann. Englisch ist ihre sprachliche Wahlheimat geworden, vor allem, nachdem sie ein halbes Jahr in Neuseeland verbracht hat. Im vorigen Jahr hat die Oberstufenschülerin im Internet gestöbert und ist auf den Fremdsprachenwettbewerb gestoßen. Der Wettbewerb, der unter Schirmherrschaft des Bundespräsidenten steht, gehört zum Programm, mit dem der Bund speziell begabte Jugendliche fördern will (s. Info-Kasten). Die Aufgabe bestand darin, einen Monolog zu einem Bild und einen kritischen Kommentar zu schreiben sowie eine Kurzgeschichte zu sprechen. Zu Hause und ganz in Ruhe. Der Jury gefielen die Arbeiten, Christine war in Runde zwei.

Die bedeutete für die junge Norderstedterin eine Situation, die sie aus ihrem Schülerleben hinlänglich kennt: Gefordert war eine sechsstündige Klausur, zu der sich die Teilnehmer aus dem Norden in Hamburg trafen. Aufsätze auf Englisch und Spanisch mussten die Sprachenfans schreiben und die grammatischen Regeln einer polynesischen Sprache herausfinden.



"Das habe ich ganz gut hinbekommen", sagt die Gymnasiastin, deren Steckenpferd die Linguistik ist. In der Sprachwissenschaft möchte sie später arbeiten und forschen. "Es gibt noch sehr viele Sprachen auf der Welt, für die es keine Strukturen gibt, wie sie beispielsweise für Deutsch, Englisch oder Russisch selbstverständlich sind", sagt Christine.

Die dritte Wettkampfrunde konnte die junge Norderstedterin wieder zu Hause absolvieren: ein Interview auf Englisch mit einem Baseball-Spieler und eine Zusammenfassung davon auf Spanisch. Und dann war das Sprachtalent in der Endrunde, unter den 30 Besten, die aus dem gesamten Bundesgebiet nach Münster reisten und auf den obersten Podiumsplatz wollten. Da musste sie sich zunächst in einer Gruppendiskussion behaupten: "Wir mussten immer in einer anderen Sprache reden als der Vorredner", sagt Christine, die munter und flexibel zwischen Englisch und den romanischen Sprachen hin und her sprang. Auch das anschließende Frage- und Antwortspiel meisterte sie so überzeugend, dass es schließlich zur Vizemeisterschaft reichte. Und einen Sonderpreis gab es oben drauf: Die Jury war so fasziniert davon, dass sich die Norderstedterin Italienisch seit neun Monaten selbst beibringt, dass sie eine einwöchige Kulturreise in die Nähe von Rom spendierte. So kann Christine im wirklichen Leben testen, was sie drauf hat.
"Ich war erstaunt, dass so gut wie niemand aus Norderstedt mitgemacht hat. Es wäre doch toll, wenn sich mehr Jugendliche an dem Wettbewerb beteiligen würden", sagt die erfolgreiche Wettkämpferin, die übrigens schulisch kaum von ihrem Talent profitiert. Das sprachliche Profil kam am Lessing-Gymnasium nicht zustande. Kein Beinbruch, sagte sich Christine und wählte den ästhetischen Schwerpunkt. Nun macht sie ihr Abitur unter anderem in Musik. Und da ist sie natürlich auch Spitze, spielt Klavier und Saxofon in der Schul-Big-Band und singt im Schulchor. Ach ja, und eine neue Sprache lernt sie auch, Finnisch bringt sich die Autodidaktin jetzt bei.



Mehr als 8000 Jugendliche kämpfen um den Sieg im Fremdsprachen-Wettbewerb

6. Dezember 2010, 06:00 Uhr

Der Bundeswettbewerb Fremdsprachen ist Teil des Begabtenförderungsprogramms der Bundesregierung und der entsprechenden Programme der Landesregierungen. Gefördert wird der Wettbewerb vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Die Kultusminister der Länder unterstützen den Wettbewerb und rufen zur Teilnahme auf. Der Bundeswettbewerb Fremdsprachen wird getragen von Bildung & Begabung gemeinnützige GmbH. Die Gesellschaft steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten.

Die Teilnehmer können in sechs Kategorien antreten: Schüler der Klassen fünf bis zehn im Gruppenwettbewerb. Einzelwettbewerbe gibt es für Schüler der Klassen acht bis zehn, sie gehen normalerweise mit einer der folgenden Sprachen ins Rennen: Dänisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Latein, Niederländisch, Polnisch, Russisch, Schwedisch, Spanisch oder Tschechisch. Es gibt aber auch die Möglichkeit, mit zwei Sprachen anzutreten.

An Oberstufenschüler wendet sich der Mehrsprachenwettbewerb, an dem auch Christine teilgenommen hat. Spezielle Wettkämpfe gibt es für Auszubildende und Schüler beruflicher Schulen, für Jugendliche, die gerne Kurzgeschichten schreiben und für Schüler mit besonderen Kenntnissen in Chinesisch und Japanisch.

"Mehr als 8000 Jugendliche haben sich schon zu den nächsten Wettbewerben angemeldet. Darüber freuen wir uns sehr", sagt Bernhard Sicking, Leiter der Geschäftsstelle vom Bundeswettbewerb Fremdsprachen.

www.bundeswettbewerb-fremdsprachen.de (ms)