Rundmail 5 Senegal

 Jetzt habe ich alles gefegt. Ein Brotkrümel liegt noch auf der Strebe unter der Platte des IKEA-Tisches. Wie kommt der dahin? Mit dem Besen komme ich nicht dran. Ich hole die Machete, um ihn rauszufischen. Aber irgendwie sieht er merkwürdig aus sehr regelmäßig an einer Seite zwei ganz kleine schwarze Striche. Was ist das? Ich nehme die Gleitsichtbrille ab, die mich beim Nahsehen hindert, beuge mich unter den Tisch und gehe dichter heran: die kleinen schwarzen Striche werden größer und ein winziger, fingernagelgroßer elfenbeinfarbener Frosch sieht mich an, bewegungslos. Wie ist er da hin gekommen? Er macht die Augen wieder zu, bleibt hingekauert auf der Holzstrebe. So sitzt er jetzt schon 4 Wochen da, macht nachts im Licht der Taschenlampe die Augen ein bisschen auf, schließt sie wieder. Wir haben den Tisch schon in den Garten heraus gerückt, haben gegessen, Karten gespielt, getrommelt, gelacht. Er bleibt sitzen und wartet auf die Regenzeit. Die kommt erst in 2 ½ Monaten. Geduldig warten, sich dem Verfließen der Zeit ergeben, das kann man hier lernen in unserem Paradies Abéné, einem kleinen multiethnischen Dorf in der Casamance, dem grünen Süden Senegals. Bassirou, kurz Bass genannt, unser langjähriger Freund, der Schneider, hat uns auf ein kleines Festival aufmerksam gemacht im Nachbardorf Albadar. Der fotokopierte DIN A4-Zettel mit dem Programm (Times New Roman 11) ist mit Nägeln an den Lichtmast vor seiner Schneiderboutique befestigt. 1.Musikfestival in Albadar. Das Programm beginnt schon um 11:00Uhr am kommenden Tag. Um 15:00 Uhr spielt ein vielversprechendes Trommelensemble. Wir verabreden uns mit Bass für 14:30Uhr, damit wir nicht zu spät kommen. Bass guckt schon komisch. Er holt uns in unserem kleinen Ferienhaus ab, einer schön eingerichteten Rundhütte mit gefliestem Boden, ohne Strom, aber luxuriöserweise mit fließendem Wasser. Es liegt ca. 1 km vom Dorfkern entfernt an einem der üblichen Sandwege, der das Fortkommen schwer macht. Mit dem Fahrrad sehr mühsam: 5m fahren, 10m schieben, im Sand versinken. Wir gehen also lieber. Bass kommt erst um 15:00Uhr, ohne Eile, wir warten schon ungeduldig. Aber jetzt fängt doch schon die Gruppe an! . Isch glaube, bei der chaleur sie fangen vielleischt später an, ist Afrika! (Bass spricht fließend Deutsch, hat es nur mit einem Buch gelernt). Wir gehen also um 15:30Uhr los - ist nisch so weit . Endlos zieht sich der Sandweg dahin, Kilometer um Kilometer, durch Felder, an kleinen Lehmhütten vorbei. Bass grüßt links, grüßt rechts: kassumai kep (Diola), kassumai lamba (Karoninke), nanga def (Wolof), Sumolee (Manding), alle Ethnien wollen hier verschieden begrüßt werden, ca va? ist allerdings immer dabei. Wir kennen sie inzwischen auch, die verschiedenen Begrüßungsformeln, erkennen nur nicht gleich, um welche Ethnie es sich handelt. Und wo ist Albadar? La bas , die Standardantwort auf solche Fragen. Wir kommen auf die Hauptstraße zwischen Kafountine und Diouloulou, eigentlich eine Asphaltstraße, aber sie ähnelt mehr einem schwarz-gelben Emmentaler. Die wenigen Autos versuchen gar nicht erst, auf den Asphaltresten zu fahren, haben sich eine Sandpiste an der Seite geschaffen, fahren mal links, mal rechts neben der Straße. Nach 45 Minuten Fußmarsch bei 32°C (es ist einer der heißeren Tage) endlich das verrostete Ortsschild  von Albadar. Jetzt sind wir gleich da! . Weiter geht s auf der Hauptstraße, bis nach einem weiteren Kilometer ein Sandweg abgeht. Wir sind irritiert, dass wir noch keine Musik hören. Da ist das Festivalgelände . Ein Zaun aus Palmblättern, man muss durch eine Bauruine hindurch, drinnen 40 Plastikstühle, mit einer Zeltplane überdacht, davor eine Art Bühne mit Sand. Außer zwei Frauen, die dort sitzen, kein Mensch weit und breit, es ist inzwischen 16:30Uhr. Bass sagt nichts, wir besuchen erst mal seine Kusine im Dorf, also 10x Hände schütteln ( das ist meine Kusine, das ist der Bruder ihres Mannes, das ist seine Tochter, das die Schwester vom Sohn des Mannes der Kusine , usw.), dann schauen wir noch bei seinem Onkel vorbei (10x Hände schütteln, ein bisschen herumsitzen). Familien unter 15 Personen, die zusammen wohnen, sind hier schwer zu finden. Dann noch zu einem Freund, Smalltalk auf Französisch, es wird gekifft (auf den schwer zugänglichen Inseln zwischen den Sümpfen auf Karonne gibt es große Marihuana-Plantagen). Dann gehen wir zum Festivalgelände, es ist 17:15. Inzwischen sitzen 10 Personen auf den Stühlen unter der Zeltplane. Mir tun die Organisatoren leid, so wenig Publikumszuspruch! Um 17:30 kommt eine Gruppe traditionell einheitlich gekleideter Mädchen herein, sie verteilen sich symmetrisch um den Platz des Publikums. Also geht es wohl gleich los. Aber die Mädchen werden noch eine Zeitlang dort stehen. Außer dem Disc-Jockey, der einem die Ohren mit lauter Reggae-, Salsa- oder HipHop-Musik volldröhnt, passiert aber nichts weiter. Zur Musik schreit er gerne ins verzerrte Mikrophon. Um 17:50 kommen bunt gekleidete Mädchen mit Trommeln herein. Zu unserer Enttäuschung setzen sie sich auf die Plastikstühle. Jetzt kommen allmählich die Zuschauer, so ab 18:15 (ich erinnere: um 11:00 sollte das Programm beginnen). Dies Ankunft der Dorfbewohner aber ist ein Ereignis für sich: alle schön gekleidet, in den unterschiedlichsten Stilen: die prächtigen Basin-Boubous, die wir aus Mali kennen, in allen Farben, hier jetzt auch die Kleider der Diola, die meist in knalligen Pastellfarben gehalten sind, dazwischen bunt gemusterte senegalesische Stoffe, mit den verrücktesten Aufdrucken, eins z.B. in Blau, auf dem große Handys abgebildet sind, ein anderes mit Regenschirmen, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Viele Frauen haben ihre Babys wie üblich auf den Rücken gebunden, diese haben oft bunter Pudelmützen auf, gegen die beißende Kälte von 27°. Männer erscheinen gerne auch mal im Trainingsanzug oder in Adidas-Hose. Ein Betrunkener tanzt virtuos in der Mitte zur dröhnenden Discomusik. Einzelne Frauen aus dem Publikum fangen an zu tanzen, mit Baby auf dem Rücken, immer dann, wenn der DJ traditionelle Diola-Musik auflegt. Sie lösen sich dann aus dem Publikumspulk, machen ihre sehr schnellen traditionellen Tanzschritte, dass der Sand aufwirbelt. Die Stimmung ist prächtig, der Sandplatz hat sich allmählich gefüllt, unzählige Kinder sitzen im Sand oder rennen herum, einige wunderschön gekleidet in bunte Basinstoffe, andere nur mit Fetzen am Leib. Nach weiteren 30 Min. kommt eine Gruppe mit großen Blättern herein, die den Blättertanz zelebriert, zur Musik von drei Seorobatrommeln. Endlich der Beginn! Wir frieren nämlich schon. Danach aber wieder Pause, d.h. Discomusik. Dann kommen die Würdenträger und Promis in Festgewändern und füllen die Plastikstuhlreihen. Als der Chef de Village kommt, erheben sich alle (Der Platz ist jetzt voll). Es schließen sich umständliche und langwierige Begrüßungen der Promis untereinander an, einige gut gekleidete, beleibtere Herren stimmen lautstark Lobreden auf den Bürgermeister an. Nach weiteeren 20 Min. geht endlich die Moderation los. Eine lange Rede des Moderators kündigt die Reden aller Promis an. Ich muss jetzt abkürzen! Es  folgen ca. 10 Reden, darunter eine Frau (wohl die Jugendbeauftragte). Jeder Redner begrüßt erneut umständlich einzeln alle Anwesenden. Nach jeder Rede steht die Promi-Riege auf und jeder beglückwünscht ausführlich den Redner zu seinen hervorragenden Ausführungen. Dazwischen immer lange Anmoderationen des nächsten Redners. Wir sind mit unserer Geduld ziemlich am Ende, haben jetzt, um ca. 20:15 noch keinen Ton Livemusik gehört. Aber warum soll es uns anders gehen als unserem kleinen Frosch? Der wartet schließlich Monate! Da endlich die feierliche Eröffnung des Festivals und die Anmoderation des ersten Programmpunktes. Erwartungsvoll recken wir die Hälse, aber der angekündigte Tanz des Koumpos findet draußen statt. Also aufstehen, sich durch den engen Eingang drängen und erneut warten. Auf dem Fußballplatz wird erst einmal der Sandboden mit der Gießkanne besprengt, damit es nicht so staubt. Wir holen für Jutta bei Bassirous Kusine im Dorf noch eine Plastik-Fußballjacke, weil inzwischen ein kalter Wind weht. Stühle für die Promis werden aus dem Festivalgelände geholt und hier draußen aufgestellt. Dann, nach mehr als 4 Stunden Wartezeit, wird ein großes Feuer angezündet und plötzlich formiert sich eine sehr lange Kette von ca. 40-50 bunt gekleideten Mädchen, im Halbdunkel, die sich im großen Halbkreis aufstellen und mit Metallstücken ein einfaches 4tel-Metrum schlagen. Die Metallstücke sind z.B. Köpfe von Feldhacken, Fahrradachsen, Werkzeuge, verrostete große Schrauben, Bolzen, Schraubschlüssel. Das ist optisch und akustisch schon sehr eindrucksvoll. Dazu spielt eine kleine Combo auf Seoroba-Trommeln (Bechertrommeln, mit Ziegenfell bespannt, was durch Pflöcke gespannt wird). Eine große Gruppe von Jungen und Männern postiert sich den Mädchen gegenüber, stimmt einen archaischen pentatonischen Unisono-Gesang an un gehen als ungeordnete Gruppe auf die Mädchenkette zu  und wieder zurück. Dabei lösen sich einzelne aus der Gruppe und bewegen sich schnell tanzend direkt auf die Mädchen zu, rennen wieder zurück. Das Gleiche machen jetzt einzelne Mädchen, die dabei in rasendem Tempo tanzen: sie bewegen bei unbewegtem Oberkörper die Beine sehr schnell im 16tel-Rhythmus, rudern dabei mit den Armen in einem anderen Rhythmus, also polyzentrisch und polyrhythmisch. In dem Moment wird das Viertel-Metrum der Eisenteile ( cloches ) von einem dichten Geflecht von Komplementärrhythmen abgelöst, die zusammen eine unregelmäßige 16tel-Kette ergeben. Es klingt verwirrend und elektrisierend, rhythmisch virtuos. Stellenweise werden zwei Achtelketten von den verschiedenen Teilen des langen Halbkreises von Mädchen um ein 16tel versetzt gespielt, so dass es eine 16tel-Kette ergibt, die aber verwirrend fluktuiert. Und alle nur mit Eisenteilen in verschiedenen Tonhöhen und Klängen. Die Seorobas spielen jetzt auch ein für mich undurchschaubares rhythmisches Geflecht, gleichzeitig mit Händen und Stöcken. Da kommt aus dem Dunkel urplötzlich der Koumpo, ein Wesen, an dem keine menschlichen Bestandteile zu erkennen sind. Man sieht keine Beine, keinen Kopf, keine Arme. Er sieht aus wie ein überlebensgroßes Bündel aus langen Grasfasern oder Heu, aus dem oben ein langer Stock mit einer roten Fahne herausragt. Dieses Wesen schwebt quasi herein, alles schreit auf, die Musik wird stark beschleunigt und der Koumpo beginnt auf die Zuschauer zuzutanzen, teils langsam und drohend, teils koboldartig schnell seine Richtung unvorhersehbar wechselnd. Dann plötzlich wird der nach oben ragende Stock nach unten auf den Boden aufgestützt, und der ganze Heuhaufen dreht sich rasend um diese gebogene Achse, so dass die Fasern fliegen. Man sieht nach wie vor keine Beine, es sieht unheimlich aus im Schein des Feuers, zu den schnellen metallischen Rhythmen der Eisenteile und dem Rhythmusgeflecht der Seorobas. Scheinbar erschöpft bleibt der Koumpo stehen, wird von mutigen Tänzern aufreizend umtanzt. Da kommt eine weitere  Gestalt aus dem Dunkel, der Samai, lange zottelige Haare, Affenmaske, grotesk auf zwei Stöcke gestützt gehend. Er fängt plötzlich an, so schnell zu tanzen, dass die behaarten Beine zu fliegen scheinen, rennt dann aufs Publikum zu, das erschreckt auseinander stiebt. Wieder formiert sich die Gruppe von Jungen und Männern, geht in leicht gebückter Haltung tanzend auf die Mädchen zu  und singt ihren Unisono-Gesang, der wie aus der Urzeit klingt. Das Ganze erinnert mich an das Ballett Le Sacre du Printemps ( Bilder aus dem heidnischen Russland ) von Igor Strawinsky. Hier sind es animistische Traditionen der Manding, einer großen Volksgruppe in Westafrika, die im Senegal und Gambia ihren Schwerpunkt hat. Das lange Warten hat sich gelohnt, verwirrt und beeindruckt streben wir unserem Dorf Abéné zu, finden Gottseidank im stockdunkler Nacht ein Auto , das uns für 3 Euro mitnimmt, sogar bis nach Hause fährt.

Morgens sitzen wir dann auf der Terrasse und beobachten beim Frühstück mit Fernglas und Vogelbuch die Gäste der Vogeltränke: Brillenwürger, Gelbkehlbülbül,  Lappenschnäpper (pfeift immer und überall mit glasklarer Stimme gestochen sauber die absteigende Tonfolge  d c fis c b e mehrmals hintereinander. Es sind also zwei Tritoni enthalten, während der Graubülbül mit g cis g d nur einen pfeift), Maskenweber, Mohrensichelhopf, Opalracke, Schneescheitelrötel, Schönbürzel, Schwarzschwanzlärmvogel, Sudandrossling, Trauerdrongo, Schwarzschnabelbaumhopf, Langschwanzglanzstar, u.v.m. (ich schwöre beim Koumpo und beim Samai, dass ich mir die Namen nicht ausgedacht habe, sondern dass es die offiziellen Vogelnamen sind).

Wie sind wir hierher gekommen? Rückblende:

Eigentlich wollten wir mit dem Zug von Bamako nach Dakar fahren, ein Abenteuer von 40 Std., aber er fährt nicht mehr seit der Privatisierung, nur im Güterverkehr, also mussten wir fliegen.

Schon am Flughafen, abends um 23°° Uhr in Dakar, empfängt uns angenehme Kühle. Das Wort kühl kannten wir in den letzten 4 Monaten nur noch in Zusammenhang mit Bier.  Am nächsten Tag sitzen wir am Meer draußen in einem Café in der Sonne und frieren! Wir haben die 23°C Höchsttemperatur nicht erwartet und sind sie nicht mehr gewohnt. Nachts nur mit Wolldecke. Die Senegalesen laufen z.T. in Daunenjacken herum, Kinder husten, sind erkältet. Dakar eine sich rasant entwickelnde,  wachsende, ausufernde Riesenstadt. Auch in Außenbezirken vierspurige neu gebaute Straßen mit richtigen Bürgersteigen! Der Weg in die Stadt mit Unterführungen, Kreisverkehr, Tunnels, alles nicht wieder zu erkennen nach 3 Jahren. In Ngor Village, was früher wirklich noch ein Fischerdorf war, wohnen wir in einem halbprivaten Hostel Chez Doudou . Um uns herum ein unfertiger Neubau neben dem anderen. Häuser in Afrika sind immer unfertig. Wenn Geld da ist, wird weitergebaut, wenn keins da ist, eben nicht. Ein durchschnittlicher Hausbau dauert 10 Jahre. Ziegelsteine werden nicht geliefert, sondern an Ort und Stelle selbst hergestellt. In den unfertigen Häusern wohnen die üblichen Großfamilien, wir können von unserer unfertigen Dachterrasse, wo wir zwischen Farbeimern frühstücken, gut auf die umliegenden Höfe gucken, wo ab 8:00Uhr gewaschen, gekocht, gegessen, gemörsert, Hühner gejagt, gespielt, gebodybuildet, geduscht und gefegt wird (auch Sandboden wird ausgiebig unter großer Staubentwicklung gefegt). Im Hostel treffen wir Etienne, ein kleiner, etwas schüchterner, ausgestiegener Sozialarbeiter aus Frankreich, der sich in eine einen Kopf größere resolute Diola-Frau aus der Casamance verguckt hat und mit ihr die Zukunft plant. Na klar, Schweinezucht in der Casamance , sagt sie, das ist das Geschäft, Du glaubst gar nicht, wie die Diola (vorwiegend Christen) auf Schweinefleisch stehen und es gibt nie genug zu den Festtagen. Er grummelt ein bisschen was von: so habe er sich seine Existenz in Afrika nicht vorgestellt, hat aber gegen sie keine Chance. Und da ist noch Jannis, ein 30jähriger ausgestiegener belgischer Immobilienmakler (Real Estate), der alles hinter sich gelassen hat, unrasiert, Rastahaare, buntes Hemd, Beutelhose. Will mit seinem schicken 4x4-Mitsubishi, einem Surfbrett und einer Djembé das land seiner Träume finden. Seine unbekümmerte Naivität ist entwaffnend, er will tatsächlich in die Casamance weiterfahren. Wenn Du deinen Reichtum so zur Schau trägst, brauchst Du dich nicht zu wundern, wenn Du morgens Dein Auto ohne die 4 Räder, ohne Seitenspiegel und Stoßstangen wiederfindest sagt die Diola-Frau, fahr besser ohne Auto dahin . Ohne Auto? Was soll ich denn mit meinem Surfbrett und der Djembe machen? . Später kommen noch zwei Deutsche aus Karlsruhe, einer ist auf einer uralten Vespa (125ccm, 60 km/h Höchstgeschwindigkeit) durch die Wüste in Mauretanien gefahren, mit Ziel Südafrika. Gegen diese Abenteurer kommen wir uns richtig langweilig vor.

Die Nächte sind hier leider weniger erholsam, es ist zwar nicht heiß, aber laut. Wir sind von drei Moscheen umgeben, deren Muezzine gleichzeitig, aber leicht zeitversetzt, ähnliche Gesänge um Vierteltonhöhen verschieden, aus verzerrten, übersteuerten Lautsprechern chinesischer Herkunft zum Besten geben. Das ist des Musiklehrers Hölle und das Ohropax liegt zu Hause! Das wiederholt sich stündlich, ab 5:00 morgens, bis 8:00. Einer der Muezzine rezitiert dann noch jeweils 20 Min. aus dem Koran, sodass die freie Zeit auch noch fast ausgefüllt ist. Damit nicht genug, fast jeden Abend ist in der eng bebauten Umgebung ein religiöses Fest, dessen Gesangsstil, natürlich ebenfalls mit übersteuerten, pfeifenden, scheppernden Anlagen verstärkt, nicht zu unseren Favoriten gehört. Eine kurze Tonfolge von vielleicht 6 Tönen wird unablässig, wirklich stundenlang, wiederholt, nur der Text ändert sich. Und Senegal hat so schöne Musik! Dazu später.

Durch Zufall treffen wir im Straßengewirr Dakars Gisela Fremgen aus dem Poelchaukamp in Hamburg. Sie war Lehrerin und ist jetzt im Raum Dakar und auf Gorée vielfältig engagiert. Sie führt uns zur Pouponnière , einem Waisenhaus für ca. 90 Babys, deren Mütter bei der Geburt gestorben sind (häufig Folge der schlechten hygienischen Verhältnisse, aber auch der Frauen-Beschneidungen). Das Haus wird von einem Franziskanerorden geführt, Gisela kümmert sich regelmäßig um die Kleinen, spielt mit ihnen, nimmt sie auf den Arm. Wir waren noch nie in einem Waisenhaus, daher schockt uns der Anblick so vieler elternloser Babys und Kleinstkinder zunächst. Die Größeren (ab 7 Monate) sind auf einer Etage untergebracht, stehen in den Betten und schreien, einige krabbeln herum. Eine Etage höher sind die Kleineren (gerade Geborene und bis zu 7 Monaten). Sie sind relativ gut gekleidet, haben sogar westliches Spielzeug (aus Spenden), aber eben nicht genügend Zuwendung von Erwachsenen. Sie liegen in Gruppen zu 4-6 auf großen Tüchern auf dem Boden, die Köpfe kreisförmig zur Mitte gerichtet, damit sie kommunizieren können, einige in Zweiergruppen unter aufgehängtem Spielzeug. Wir gehen durch den großen Raum, vorbei an sehnsüchtig auf uns gerichteten Augen von kleinen Babys, die um Zuwendung betteln. Schwestern gehen herum, holen sich jeweils eins heraus, meist das, das gerade schreit, und nehmen es auf den Schoß, spielen mit ihm, halten es in die Nähe des Kassettenrecorders, der französische Volkslieder abspielt. Nach anfänglicher Scheu nehmen wir auch eins für jeweils eine Viertelstunde auf den Arm, auf den Schoß, singen was, sprechen mit ihm. Sie klammern sich an unsere Arme, wollen nicht wieder runter. Unter den Babys sind auch Frühgeburten, ganz winzige, noch nicht entwickelte Wesen, Lebhaftere, die mit ihren Nachbarn Kontakt aufnehmen, ganz süße Zwillinge. Nach einiger Zeit können wir schon viele Namen, fragen nach der Geschichte, haben unsere Favoriten. Ab und zu müssen die Schwestern, die in Unterzahl arbeiten und von europäischen FSJ-lern unterstützt werden, darauf hingewiesen werden, dass eins dringend gewickelt werden muss, weil schon alles nass ist. Nach gut 3 Stunden müssen wir uns schweren Herzens trennen, weil sie gefüttert werden müssen und ins Bett gebracht werden. Meine kleine Aisha schreit so fürchterlich, als ich sie in ihr Gitterbett lege, dass ich sie wieder heraus nehme. Sofort strahlt sie mich an, klammert sich fest. Aber es nutzt nichts, wir müssen gehen, schreiend lasse ich sie in ihrem Bett zurück. Puh! Zumindest von den äußeren Gegebenheiten geht es diesen Babys natürlich besser als den vielen, die irgendwo in Dakar auf der Straße im Dreck oder in Bretterverschlägen, umgeben von Ratten und Kakerlaken, versuchen müssen, die ersten Jahre zu überstehen. Dreck, wilde Müllkippen, vermüllte stinkende Abwasserkanäle gibt es reichlich in Dakar. Aber auch eine halbwegs funktionierende Wasserversorgung und zumindest in Ngor eine unterirdische Kanalisation. Ansonsten ein ähnliches Bild wie in Mali: bunt und geschmackvoll gekleidete, stolze Menschen, mit denen man leicht ins Gespräch kommt. Vereinzelt aber auch die nervigen hello my friend, how are you -Rastas, die irgendwas verkaufen wollen oder nichts zu tun haben. Zu schaffen macht uns das Woloff, das kehlig und rauh klingt, ganz anders als das melodiöse Bambara.

Nach einer Woche fahren wir sehr komfortabel mit dem Schiff von Dakar nach Ziguinchor und von dort mit dem Buschtaxi nach Abéné. Unser Paradies hat uns wieder, wir fühlen uns gleich heimisch. Und Gottseidank hat der Strom, der jetzt hier Einzug gehalten hat, für nicht allzu viele Veränderungen gesorgt. Das Dorf ist immer noch sehr ursprünglich, keine mehrgeschossigen Häuser, ungeteerte Straßen und Wege, viel Grün, Bougainvilles, Palmen. Wir beziehen ein kleines traditionell rund gebautes Ferienhaus, 15 Gehminuten vom Dorfkern entfernt, 15 Min. zum Meer, auf einem großen, teilweise wilden Grundstück mit vielen verschiedenartigen Palmen. Stromlos, d.h. abends mit Petroleumlampen und den guten IKEA Solar-Tischlampen. Drinnen Kerzen. Aber man ist sowieso außer zum Schlafen immer draußen. Wir kochen selber, müssen also mangels Külschrank jeden Tag frisch einkaufen, z.B. Fisch. Das ist nicht einfach. Wir fragen Fodé, unseren Nachbarn, ob er uns nach Kafountine mitnimmt, einem 7km entfernten Fischerdorf, wo am Strand etwa 40 große Pirogen ankern bzw. auf Sand liegen. Alles Fischerboote, mit denen reichlich Fisch gefangen wird, vorwiegend Barracuda (Seehecht), Capitaine, verschiedene Barschsorten, Thunfisch. Fodé sagt zu, er muss sowieso hin um einzukaufen und nimmt uns mit. Die Straße nach Kafountine voller Schlaglöcher. In Kafountine ändert sich die Lage: jetzt besteht die Straße nur noch aus Schlaglöchern, die von vereinzelten Placken von Teerbelag unterbrochen werden. Man kann nicht einmal Schritttempo fahren, sondern muss sich vorsichtig in die tiefen Löcher fallen lassen, damit man nicht hinten aufsitzt. Am Strand erreichen wir den Fischereihafen, wo die Trockenanlagen für den beliebten Trockenfisch, die Abfallhaufen aus Fischresten, die ankommenden Pirogen, die Kochstellen für die großen Meeresmuscheln ein schwer durchschaubares Durcheinander bilden, das von Scharen von Geiern und Schmarotzermilanen überflogen wird. Über allem liegt der Geruch von verdorbenem Fisch. Wir kaufen in einer Hütte Fisch aus einer verrosteten Tiefkühltruhe, die mit Eis gefüllt ist. Der Seeteufel ganz frisch, das Kilo 1250 CFA, also 1,90 €. Er wird noch kostenlos zubereitet. Dafür wird er draußen auf einem Holzbalken, von dem erst einmal die alten Fischreste heruntergekratzt werden müssen, mit einer stumpfen Machete und einem großen Holzhammer zerteilt, dann ausgenommen, gehäutet und gesäubert. Der Abfall wird einfach hinter die Hütte ins Freie auf einen großen Haufen geworfen, die Geier, großen Eidechsen, Hunde und Katzen warten schon. Das Wechselgeld, was der Fischhändler mit seinen Fischblut-verschmierten Händen aus der Tasche zieht, kann man wegen des starken Fischgeruchs nicht ins Portemonnaie tun. Der Fisch schmeckt super, als wir ihn gleich am Nachmittag zubereiten.

Später wühlen wir uns mit den Fahrrädern den Sandkasten, genannt Weg, entlang ins Dorf, vorbei an dem Hof mit den 15 Kindern, die wie immer schon angerannt kommen: Toubab, Toubab, le cadeau? . Sie halten uns ihre von Rotz und Sand verklebten Händchen hin, die wir natürlich alle schütteln müssen. Der erste Plastikfußball, den wir ihnen geschenkt hatten, war nach einer Stunde in der nächsten Dornenhecke verpufft, der kleine Lederball hält nun schon etwas länger. Heute bekommen sie Murmeln als cadeau, was auf große Begeisterung stößt. Nachdem wir an jeden zwei verteilt haben, stehen immer noch welche da und halten mit treuherzigem Blick zwei leere Hände hoch. Aber wir sehen natürlich die beiden kleinen Beulen in den Backentaschen. Die Erwachsenen wollen uns immer zum Essen einladen, aber wir haben bisher immer dankend abgelehnt. Jetzt lassen sie uns nicht gehen, ehe wir das neue Baby angeguckt haben. Wir folgen ihnen ins Haus, ein Neugeborenes ist natürlich immer was Aufregendes. Drinnen in nur mit einem Tuch verhängten Zimmer, dessen Boden sandig ist, eine alte verbrauchte Schaumstoffmatratze auf einem Holzgestell, notdürftig mit einem Tuch belegt, darauf ein kleines Lappenbündel mit einem winzigen süßen Baby darin. Wir fragen das Mädchen, was auf dem Bett sitzt, wo die Mutter des Babys ist. Sie ist es selber! Sie guckt sehr verängstigt, sieht ganz krank aus, hat große Schmerzen. Wir erfahren von einem Französisch sprechenden Mitbewohner, wohl dem Chef des Hauses ihre Biographie: Awa ist 15 Jahre alt, es ist ihr drittes Kind, geboren vor einer Woche, schwere Geburt, es ging ihr sehr schlecht. Ihr erstes Kind hat sie mit 10 bekommen. Ihr Mann ist 20 Jahre älter, taubstumm, arbeitet in einem Cybercafe im Nachbardorf. Sie selbst gehört nicht zur Familie, kommt aus Kolda, weit entfernt. Mutter früh gestorben, der Vater hat sie in Abéné dem 20 Jahre Älteren zur Frau gegeben, als sie 110 war, dann ist sie auf dem Hof aufgenommen worden. Wo der Mann wohnt, ist nicht ganz klar. Ihr Blick ist leer, fast tot, sie versteht nur Manding. Wir fragen den Patron, wie das sein kann, dass eine 10Jährige ein Kind bekommt, das sei doch nicht normal! Er guckt verständnislos: C est normal! . Wir versuchen, uns das Leben der 15Jährigen vorzustellen, mit drei Kindern und einem taubstummen Mann. Eine befreundete Ärztin stellt am nächsten Tag fest, dass sie Malaria hat. Die Apotheke im Dorf hat kein Malariamittel, wir bekommen an diesem Abend keines mehr. Am nächsten Tag müssen wir mit dem Buschtaxi nach Kafountine. Dort gibt es eine Apotheke, aber ein Malariamittel für eine 15jährige stillende Mutter? Das ist schwierig, der Apotheker guckt in vielen Büchen nach, gibt uns schließlich Fansidar. Und wir haben Glück: am nächsten Tag geht es ihr besser. Aber sie hat zu wenig Milch, die kleine Fatou ist gefährdet. Von einem befreundeten Krankenpfleger im Dorf bekommen wir den Tipp: sie muss viel Erdnüsse essen, das fördert die Milchproduktion.

 

Spectacle im Campement Belles Etoiles , angekündigt für 21:00. Wir gehen um 22:00 los, wollen nichts verpassen, aber auch nicht zu früh kommen. Verschlungene Wege durch den Busch, kein Mond, nur Sterne, unsere Taschenlampen verhindern das Kollidieren mit Bäumen und Büschen. Die Richtung weist die weithin hörbare Discomusik. Im Campement eine schöne Open-Air-Bühne, erleuchtet von zwei Neonlampen und einem schwachen Strahler, vor der Bühne brennt ein Feuer, neben dem eine sehr große Trommel liegt. Gäste tanzen an der Bar zur Discomusik, viele schwarz-weiße Pärchen. Viele lauernde junge Rastas aus Abéné oder dem nahen Gambia. Die Luft ist schwer mit Marihuanageruch erfüllt. Wir setzen uns an einen Tisch im Freien nahe der Bühne, am Nebentisch ein alter Mann in kurzer Schlabberhose, ausgelatschten Plastiksandalen, speckiger Winterjacke, um den Hals ca. 10 bunte Perlenketten, auf dem Kopf eine Pudelmütze in Kreischfarben, 3-4  Zahnstummel im Mund. Ist das nicht dieser Verrückte, der auf einem uralten Motorrad immer im Schritttempo die Dorfstraße entlangfährt, um den Hals ein riesiges

Transistorradio  baumelnd, dabei große Kästen transportiert, oder mal ein schwarze oder weiße Dame. Sehr freundlich, aber ein bisschen merkwürdig mit seinem Stummelzahn-Lachen, zudem auch bei größter Hitze mit Pudelmütze. Was macht der denn hier? Interessiert der sich für Musik? Wir schätzen ihn auf 70-80. Warten weiter auf den Beginn des Spectacle , haben schließlich jeder 1000 CFA (1,50 €) Eintritt bezahlt. Aber nirgendwo Anzeichen, dass es bald losgeht. Ich denke an unseren kleinen Frosch und seine 2 ½ Monate Wartezeit und entspanne. Es ist 24:00Uhr. Jetzt kommen Musiker mit verschiedenen Trommeln: Bougarabous, Seorobas, Djembés, Doundouns. Leider stellen sie die Instrumente nur an der Bühne ab und gehen wieder. Auf Nachfragen weiß keiner so richtig, welches Programm heute gegeben wird, darüber gibt es nur Gerüchte. Es soll Sabar Wolof zu hören sein, die Musik, aus der Youssou N Dour seinen Mbalax entwickelt hat. Trifft sich gut, denn ich habe gerade eine Doppelstunde Sabar-Unterricht gehabt. Um 0:15 Uhr flüstert einer der Angestellten dem Verrückten was ins Ohr. Der erhebt sich, schlurft schwerfällig in den Wald, kommt mit ein paar trockenen Palmblättern zurück und entfacht das Feuer stärker. Dann legt er vier sehr große Trommeln mit dem Fell zum Feuer. Sollte der etwa? Nein, das kann nicht sein. Er dreht und wendet die Trommeln, vergrößert und verringert den Abstand zum Feuer, legt Holz nach, testet den Ton der Trommeln. Also doch! Ein Musiker! Wer hätte das gedacht. Mit 80 Jahren und vier Zähnen. Nach 15 Minuten es ist jetzt 0:30 Uhr - trägt er mit Helfern die vier wohl sehr schweren Trommeln auf die Bühne. Stellt sie in ein Gestell, so dass sie nebeneinander stehen, das dauert endlos, er hat keine Eile, holt noch Lehmziegel von hinten, um die Trommeln abzustützen. Die Discomusik wird abgestellt und um 0:45 Uhr (angekündigt war 21:00 Uhr) geht es los. Aber nicht mit einer Gruppe, wie wir denken. Bakary Olé, so heißt der, den wir für einen verschlafenen Verrückten gehalten haben, legt in seinen alten kurzen Schlabbershorts alleine los. Erst ganz verhalten, dann immer mehr in Fahrt geratend, bearbeitet er seine sauber diatonisch feuergestimmten Trommeln in einer Art und Weise, wie ich sie noch nie gehört habe.  Mit seinen zwei Händen spielt er dreistimmig (!), dabei u.a. auf einer Trommel eine ostinate Quarte mit einer Hand, ich weiß nicht, wie er das macht. Dazu hört man eine Mittelstimme und dann die frei improvisierende Oberstimme, die Slaps und Tons spielt. Dabei wirbeln die Hände über die vier Trommeln, dass man kaum folgen kann. Da er allein spielt, kann er ständig variieren, mal richtige  Melodien, dann wieder mitreißende Polyrhythmen, sehr fantasievoll. Er spielt 30 Minuten ohne Pause durch, dabei schwingen seine 10 Perlenketten wild hin und her, die Pudelmütze wirkt völlig skurril und die kurze verwaschene Baumwollhose geht eigentlich gar nicht. Aber er verzaubert das Publikum. Selbst die jungen Leute sind begeistert. Ein junger Mann kommt auf die Bühne, schlecht gekleidet, fängt urplötzlich an, irrsinnig schnelle Beinbewegungen zur Musik zu machen, auf der Stelle bleibend, der Oberkörper fast unbewegt. Durch diesen Gegensatz wirkt er gar nicht mehr wie ein menschliches Wesen. Seine Beine rasen wie Gummistäbe in alle Richtungen und plötzlich sackt er wie vom Blitz getroffen in sich zusammen, was auf den Punkt genau von den Trommeln unterstrichen wird. Das wiederholt er mehrfach, immer völlig unerwartet anfangend und aufhörend, aber perfekt synchron mit den Trommelrhythmen. Das Publikum rast. Einen anderen Tänzer hält es nicht im Publikum, er springt wie von der Tarantel gestochen auf die Bühne, tanzt ganz anders. Wie ein Gummiball federt er hoch, zur Seite, wild, wieder abbremsend, mit kurzzeitig ganz albernen Bewegungen, die aber akrobatisch sind. Nirgendwo habe ich so schnelle Tanzbewegungen gesehen. Und das völlig im Rhythmus der Musik. Das Publikum ist elektrisiert, andere Tänzer und Tänzerinnen fangen schon im Publikum an zu zucken und zu tanzen, springen dann auf die Bühne. Es ist eine Explosion an Energie, die so gewaltig ist, dass man sich in einer anderen Welt wähnt. Nach Bakary kommt noch eine Gruppe, die lauten, mitreißenden Sabar Wolof spielt. Dazu immer wieder Soli aus dem Publikum. Um 2:30 gehen wir erschöpft, todmüde, aber voller Glücksgefühle durch den dunklen Busch nach Hause. Aus der Milchstraße über uns, ungestört von jeglichem Licht,  zischen einige Sternschnuppen über den Himmel, im Gebüsch raschelt es, aus dem Dunkeln kommt ein verspätetes Zebu-Rind und kreuzt ungerührt unseren Weg.

 

Was war noch?

 

-          Eine Hochzeit im Dorf. Eine Toubabfrau (Französin) heiratet einen Abenois. Eingeladen ist jedermann. Wir kommen zum Tanz, eine Seorobagruppe spielt eindrucksvoll. Viele Mädchen springen in den Kreis und tanzen wild, werden von den Seorobarhythmen angefeuert. Einige Zuschauer kommen tanzend in die Mitte, wischen mit ihren eigenen Tüchern oder Kleidern den triefenden Musikern den Schweiß von der Stirn. Eine schöne traditionelle Geste. Wir sollten das für Tuten&Blasen-Konzerte anregen. 

-          Die erklärte Lieblingsspeise des 8jährigen bezaubernden Ibrahima, dem Sohn von Dorothea aus Konstanz und El Hadj, ist Waran und Buschratte, frisch gegrillt. 

-          Das Meer in Abéné ist oft kalt wie die Nordsee, manchmal zu kalt zum Schwimmen. Am menschenleeren sauberen Strand kann man stundenlang bis nach Gambia wandern. 

-          Wir machen verschiedene Kurse, Jutta afrikanischen Tanz, ich Seoroba, Sabar Wolof, Djembe und Kora. Nehme eine CD auf mit Kora (Dialy) und Gitarre (Bassirou), bei der die lauten Vögel stören, besonders der Graubülbül und der Schwarzschnabelbaumhopf. 

-          Essenseinladung bei Njema: die kaputten Plastik-Gartenstühle sind an den langen Bruchstellen säuberlich mit Draht genäht , dazu sind zwei Reihen kleiner Löcher in das Plastik gekokelt worden. Ich falle trotzdem damit in den Sand.

     

 

       -          Fahrradplatten flicken (Hinterrad) kostet 45 Cent.

      -          Am Nationalfeiertag wird nach vielen vergeblichen Anläufen auf dem Dorfplatz die Nationalflagge gehisst, ein    Großteil des Dorfes ist versammelt. Die CM4 und die CM5 der Schule marschiert in bunter Kleidung zu düsterer Marschmusik in Moll. Wie so oft habe ich sofort zwei wildfremde kleine sandige Jungs an der Hand, die mich gar nicht wieder loslassen wollen, einer lehnt sich an meine Beine und lutscht mit der anderen Hand am Daumen, der andere streichelt immer wieder mit seiner kleinen klebrigen Hand meine behaarten Arme. Ein sehr schöner Nationalfeiertag.

 

-          Bakary (s.o.) kommt mir auf seinem Motorrad entgegen auf der sandigen Hauptstraße. Ich halte ihn an und bedanke mich für seinen tollen Auftritt. In der Unterhaltung spricht er plötzlich Deutsch und es stellt sich heraus, dass diese fast verwahrlost aussehende Gestalt schon mehrfach in Europa zu Konzertauftritten war, u.a. in Hamburg, wo er auch längere Zeit gelebt hat. Mit seinem zahnlosen Grinsen verkauft er mir seine professionell gestaltete CD.

 

-          Ostergottesdienst in der katholischen Kirche. Wir kommen zu spät! Sollte um 10 beginnen, ist aber um 10 schon fertig. Wir hören noch das letzte fetzige Kirchenlied des wunderbar gekleideten Chores im polyrhythmischen 12/8 Takt, begleitet von 7 Seoroba-Trommlern.

 

-          Die cloche -Rhythmen der Karoninke-Mädchen haben es mir angetan. Ich bitte um eine Unterrichtsstunde. Stunden nach dem vereinbarten Termin erscheinen 4 Mädchen und führen mir die Rhythmen vor, auf folgenden cloches : zwei Eisenteilen einer Feldhacke, einer Fahrradachse, einem Metallbolzen, einem undefinierbaren Autoersatzteil, einem 15er-Ringschlüssel, einem Teil einer Eisenwehrung beim Hausbau. Eine spielt sehr schnelle Achtel im 6/8-Takt, eine andere die Sechzehntel dazwischen als Afterbeat, sodass eine Sechzehntelkette entsteht. Das tut die vielleicht 8Jährige ungerührt, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne rauszukommen, dazu spielen die anderen asymmetrische Rhythmen im 12/8. Ich versuche mehrfach den 16tel-Afterbeat zu spielen, es gelingt mir in dem Tempo überhaupt nicht. Die Mädchen verstehen das nicht. Wenigstens kann ich alle Rhythmen notieren.

 

Was bleibt? Was nehmen wir mit von 6 Monaten Afrika?

 

Wir haben die Armut geschmeckt, angefasst, gerochen, aus nächster Nähe gesehen, standen mit beiden Beinen in ihr drin. Wir haben den kulturellen Reichtum erfahren, die Farben Afrikas und die Schönheit der Menschen haben uns den Atem geraubt. Wir haben das nicht staatlich finanzierte soziale Netz bewundern können, was fast alle in der Großfamilie auffängt (Altersheime gibt es nicht). Die finanzielle Kluft zwischen uns und den meisten unserer Freunde schmerzte unerträglich (In Bamako wohnten wir in einem kleinen Hotel, wo wir für eine Nacht plus Mittagessen das ausgaben, was Aissata als Lehrerin verdient). Die Wut auf die Korruptheit der Regierungen und Institutionen und auf die ungerechte Weltwirtschaftsordnung war für uns körperlich. Die Kinder würden wir alle gerne mit nach Hause nehmen. Die Würde der Menschen, die in finanzieller Armut leben, hat uns beschämt, aber auch getröstet. Wir kommen anders zurück als wir gekommen sind: zerrissen und beglückt.

 

-          Und der kleine elfenbeinfarbene Frosch sitzt immer noch unter dem Tisch und wartet auf die Regenzeit    -

4. Bericht aus Mali

 
Rundmail 4 Mali

 

Tubab, Tubab! kräht der kleine rotznäsige Junge uns entgegen, kaum 3 Jahre alt, keine Hose, nur ein altes zerschlissenes Hemd am Leib. Süß sieht er aus, aber Christof Wackernagel fährt aus der Haut. Er schimpft ihn aus (auf Bambara): was fällt Dir ein, mich als Tubab zu bezeichnen, das ist rassistisch, ich rufe Dir auch nicht Schwarzer! hinterher. Für Dich bin ich immer noch Madou Diarra oder monsieur und ich erwarte Respekt von Dir, ich lebe hier schließlich seit 7 Jahren. Christof wird immer lauter, was uns etwas peinlich ist, schließlich kennen wir die Tubab-Rufe schon lange und haben uns damit abgefunden. Aber er hat ja Recht, kein Kind bei uns dürfte einem schwarzen Menschen Schwarzer oder gar Neger hinterher rufen, das ist nun mal rassistisch. Der Kleine ist richtig eingeschüchtert, versteckt sich zwischen seinen Freunden, aus dem Haus kommen Erwachsene, die alles gehört haben und nach anfänglichem Zögern stimmen sie Christof zu.

 Ja, ja, die Kinder müssten besser erzogen werden, Tubab zu rufen sei nicht gut. Seitdem fangen wir auch an, die Tubab-Rufe zurückzuweisen und den Kindern zu erklären, dass sie uns bitte genauso respekt-voll behandeln wie ihre Eltern. In unserer Umgebung wirkt es und wir tauschen die Grüße auf Bamabara aus: Ini sogoma somogow ka kene i fa ka kene i ba ka kene. I ni che, kambé. Man muss sich nach dem Wohlbefinden aller Familienmitglieder  erkundigen. Das gilt auch, wenn man nur nach dem Weg fragen will. Also erst mal die ganze Familie durchgehen, dann kommt die Frage nach dem Weg. Die Begeisterung ist allerdings immer groß, wenn wir inzwischen etwas fließender die Bambara- Begrüßungsformeln abspulen. Einige fragen sofort, aus welchem malischen Clan man stammt: Monsieur Coulibaly? Mit dem Clannamen Köttgen können sie dann nicht so viel anfangen, aber nehmen ihn wohlwollend zur Kenntnis. Die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen hier ist einfach umwerfend, in jeder Situation. Es gibt einen Laut, den ich besonders liebe: ein ca. 1000 Hz hohes, spitzes, fast gequietschtes kurzes eh? , was das allerhöchste Erstaunen, aber auch Freude darüber ausdrückt, dass man sie nicht in der Kolonialsprache Französisch anspricht. Dann wird weit mit der Hand ausgeholt, man klatscht sich ab, die Hand wird festgehalten, evtl. noch etwas geknetet, dann wird so entwaffnend gelacht, dass man sich wie unter alten Freunden fühlt. Und es wird gescherzt, was das Zeug hält. Ob Taxifahrer, Marktfrau, Verkäufer, Passanten, man gerät sofort  in  Kommunikation. Wenn man einer am Straßenrand sitzenden obdachlosen Frau, die mit ihren Kindern auf einem Stück Plastik ausharrt und bettelt, 100 CFA (15Cent) gibt, kommt sofort ein Gespräch zustande mit viel Gelächter, Fragen, Späßen. Neben unserem Taxi steht ein grüner Stadtbus im Stau: zwei Frauen gucken aus den offenen Fenstern zu uns herüber: ich werfe ein kurzes: somogow? hinüber, sofort beugen sich alle Passagiere aus dem Fenster und überbieten sich darin, mit uns die Begrüßungsformeln durchzugehen (s.o.), große Begeisterung im Bus, der schon zu schwanken beginnt, Gelächter, Gewinke. Das haben wir so noch in keinem anderen afrikanischen Land erlebt. Wir fühlen uns zu Hause. Aber nicht, was die Umwelt angeht. Bamako ist so unbeschreiblich dreckig. Selbst in einigermaßen guten Stadtteilen ist die gesamte Kanalisation offen. Neben jeder Straße verläuft ein offener Kloakenkanal, in der sich Ratten tummeln, Plastik und Essensabfälle sich mit Fäkalien mischen, eine graue Blasen werfende Suppe, die mal fließt, mal stillsteht. Es gibt keine Müllabfuhr, alles bleibt irgendwo liegen. Dazwischen laufen Hühner, Ziegen und Schafe, sogar Esel herum, die nach Essbarem suchen.  Die Luft, bei 40°C (inzwischen fast durchgehend) und 12% Luftfeuchtigkeit eine braungelbe Dunstschicht, in der sich  Autoabgase von 30 Jahre alten Blechkisten mit dem vom Harmattan hergewehten feinen Sahara-Sand und Staub mischen. Viele Motorradfahrer fahren mit Mundschutz. In dieser knochentrockenen Jahreszeit (Regen gibt es erst wieder im Juni) ist das Atmen in der Stadt keine Freude, die Augen brennen, der Mund trocknet aus. Und trotzdem: zwischen all dem Dreck bewegen sich die Menschen mit großer Würde. Frauen in den schönsten Basin (Damast)- Kleidern, mit zu fantasievollen Schleifen aufgetürmten Tüchern auf dem Kopf, Männer in langen Boubous in tiefblauem Indigo oder sattem Dunkelrot, reich bestickt und frisch gestärkt, das alles in allen nur denkbaren Farben und Mustern, immer stilsicher kombiniert, gehen über die staubigsten Straßen, über die Fäkalienkanäle hinweg, als würden sie nicht existieren. Frauen in Festtagskleidern fahren in dichten blauen Qualmwolken auf billigen chinesischen Motorrädern, als wenn sie just von einer Modenschau kommen. Ich könnte 1000 Fotos von Kleidern schicken, von denen keines dem andern gleicht. Es ist eine Orgie an Schönheit, die einen unbegreiflichen Kontrast zu all dem Dreck bildet.

 

Nach erstaunlich kühler Nacht gehen wir frühstücken im Express an der Hauptstraße, wo meist nur Einheimische hinkommen. Der bullige, aber gutmütige und immer freundliche Bambara-Kellner Mohammad begrüßt uns schon mit Handschlag. Jedesmal bringt er uns ein paar neue Brocken Bambara bei. Frühstück in aller Ruhe. Draußen die Staub- und Qualmwolken betrachten, die sich auch so früh am Morgen schon ausbreiten. Sie kommen vor allem von den grünen Sotrama-Bussen, von denen einige aussehen wie vom Schrottplatz auferstandene Untote, mit vielen Schweißnähten aus kleinen verrosteten Blechteilen zusammen gebastelte Riesenpuzzles, bei denen man die ursprüngliche Form kaum noch erkennen kann. Bei einigen baumelt die Stoßstange nur noch an zwei Kabeln, eine Stoßstange, die von ihrer wirklichen Bestimmung nur noch den Namen hat. Bei einigen ist die schwere Schiebetür nur durch zwei Sisalseile am Dachträger befestigt. Durch die offene Schiebetür müssen ja die Passagiere ein- und aussteigen. Während der Fahrt ist die Öffnung dann manchmal durch ein locker hängendes dünnes Seil gesichert . Drinnen teils wackelige Holzbänke, teils zerschlissene Plastiksitze, durch die die Federn herausgucken. Als Fenster sind einfach Löcher in die Seitenwänd geschnitten worden, die nicht eingefasst sind. Scheinwerferabdeckungen gibt es kaum, die wackeligen Birnen sitzen lose in den leeren Augenhöhlen der Blechkiste. Sehr häufig sind die Risse in der geborstenen Windschutzscheibe mit Thesafilmstreifen geflickt. Nur eins eint diese Gefährte: sie werden alle irgendwie durch grüne Farbe zusammen gehalten und sind damit als städtische Busse gekennzeichnet. Wo sie hinfahren, bleibt ein Rätsel, man muss es den Rufen der Passagiereintreiber entnehmen, die mit einem Bein in der Türöffnung stehen, Fahrgeld einsammeln, alle 50m abspringen und nach Fahrgästen suchen und auf den fahrenden Bus wieder aufspringen.

Nach dem Frühstück machen wir uns im Hotel stadtfein, wir lassen uns von Ibrahim, dem Hoteltaxifahrer, zum Grand Marché fahren. Das Wort Verkehrschaos müsste hier neu definiert werden. Auf der Kreuzung vor dem Marché Rose steht alles, was zum Straßenverkehr dazugehört: Autos, Busse, Motorräder, Fahrräder, Transportkarren (menschengezogene und eselgezogene), Fußgänger. Diese Verkehrsteilnehmer haben sich zu einer dichten, zähen Masse verbunden, die keinerlei Lücken zulässt.  Immer, wenn irgendwo eine Lücke zu entstehen droht, d.h. wenn irgendeiner weiterfährt oder -schiebt (was eigentlich unmöglich ist, aber es passiert doch hin und wieder), fließt die zähe Masse sofort in das noch kaum entstandene Loch. Fußgänger gehen gelegentlich über Stoßstangen, weil dazwischen kein Platz mehr für auch nur einen Fuß ist. Die Masse ändert also allmählich, aber ständig ihre Form, Motorradfahrer füllen Lücken, die eigentlich keine sind, einige hupen. Das in-Lücken-Fließen verursacht aber weniger Zusammenstöße als zu erwarten wären. Die Fahrzeuge scheinen alle einen abweisenden Magneten zu haben,  der alle Annäherungen unter 1 mm verhindert. Bei Taxifahrten bin ich mir in mindestens 10 Situationen sicher, dass gleich ein Unfall passiert, aber wie durch ein Wunder passiert keiner, unmöglich zu erklären, warum. Alles fließt zäh ineinander, durcheinander, um einander herum, hinter einander her. Es erinnert mich an wissenschaftliche Erkenntnisse vom Schwarmverhalten von Fisch- bzw. Vogelschwärmen, in denen auch immer der Abstand zum Nachbarn gleichgehalten wird. Auf der größten Straßenkreuzung nahe dem Grand Marché stehen mitten auf der Fahrbahn Straßenhändler, die ihre Waren auf Plastiktüten ausgebreitet haben, Motorräder fahren halb über die Auslagen, die werden dann etwas zurückgezogen und wieder vorgeschoben. Stellenweise verschmelzen die Händler als statische Punkte mit der zähen Verkehrsmasse, man kann kaum noch auseinanderhalten, wo was ist, wo was stattfindet. Gibt es hier Regeln?? Es scheint welche zu geben, denn die Masse bewegt sich ohne Groll, ohne Aufgeregtheit, mit großem Gleichmut. Hupen scheint eine Art Lebenszeichen zu sein, kein Zeichen von Aggressivität. Aber was sind die Regeln? Später erfahren wir, dass es neben den offiziellen Verkehrsregeln, die unbekannt sind, inoffizielle gibt, die gut funktionieren: 1. Es gibt Hierarchiestufen: Busse, Autos, Motos, Fahrräder, Karren, Fußgänger. 2. Bei gleicher Hierarchiestufe: wer zuerst kommt, hat Vorfahrt. Diese Regeln werden ohne große Diskussionen akzeptiert.  

Dann, in den Kleiderstores  im Grand Marché die Farben Afrikas. Kaum ein Kleid gibt es zweimal, kaum ein Muster wiederholt sich, alle nur denkbaren Farben sind zu sehen, alle nur denkbaren Kombinationen. Ein Kleid schöner als das andere, man weiß nicht, wo man zuerst hinsehen soll. Farben, die man meint, noch nie gesehen zu haben, z.B. die tiefblaue Braun-Variante des Indigo, von der man kaum weiß, wo man sie genau einordnen soll, irgendwie schillert sie auch violett. Jutta kauft sich einen Basin-Stoff in schönem kräftigem Rot, ich entscheide mich für ein Basin-Hemd in verschiedenen Blautönen, handle von 25.000 auf 13.500 herunter. Das Handeln ist selbstverständlich, gehört dazu, geht theatralisch, aber ohne Verärgerung vonstatten. Wer nicht handelt, wird nicht ernst genommen. Nachdem wir nach dem ersten genannten Preis gespielt entrüstet tun,  erklären uns einige, wie es geht: Guck mal, das ist hier so: wenn ich einen Preis sage, dann ist das nicht der Endpreis, sondern der erste, dann musst Du einen sagen, dann wieder ich, dann Du und zum Schluss einigt man sich in der Mitte . Fand ich rührend, so höflich übers Handeln informiert zu werden. Der Markt ist riesig, erstreckt sich über einen ganzen Stadtteil, scheint kein Ende zu nehmen. Es gibt Straßenzüge, da gibt es nur Matratzen, einen anderen nur Autoersatzteile, dann wieder traditionelle Medikamente, Stoffe, Kurzwaren, eine ganze Straße nur mit Tees aller Arten, Haushaltsgeräte, Elektrogeräte, gebrauchte Kühlschränke, Obst, frischen oder getrockneten Fisch. Dazwischen wieseln Schuhputzer herum, Jungs, die gefrorene Wassertütchen anbieten, Erdnussverkäufer, Schafe, Esel. Weil alles nicht so touristisch ist, gibt es kaum aggressives Anbieten, keine Anmache . .

Wir gehen dem dumpfen Getrommel nach, was aus den mit Lumpen und Pappe verhängten Hütten hinter den Geschäften kommt, direkt an der Pferderennbahn Hippodrome . Teils ohne erkennbaren Rhythmus, teils in einem monotonen, aber interessanten komplexen Ostinato. Wir vermuten eine Zeremonie, aber es sind ganze Reihen von jungen Männern, die mit großen, schweren, runden Holzhämmern auf frisch gewaschene Basin-Stoffe schlagen, die über einem runden Holzbrett liegen. Das ist für die Teinture, wie man uns sagt. Jedenfalls wird jeder cm des Stoffes mit großer Wucht bearbeitet. Dadurch erhalten sie ihren Glanz und ihre Festigkeit. Wenn man sie anzieht, hat man das Gefühl, dass man in ein knisterndes Papierkleid steigt. Aber sie sehen einfach sehr edel aus. Man kann sich sein Kleidungsstück oder den Stoff für 750, 1000 oder 1500 klopfen lassen (1 €, 1,50 oder 2,20€). Ich kann den Hammer nur beidhändig heben, worüber man sich sehr amüsiert, sie schaffen es mühelos einhändig, dazu noch rhythmisch.

Abends im Dunkeln, auf dem Rückweg von einem kleinen Restaurant (von denen es hier viele gibt) ein Menschenauflauf und lautes Trommeln: direkt neben der Straße über einem sandig-staubigen Platz hängen ein paar Glühbirnen am Baum. Darunter 10 muskulöse Ringer, die teilweise im Kreis joggen, in der Mitte drei Paare, die trainieren, offenbar Lutte Senegalaise (der traditionelle senegalesische Ringkampf). Die Ringer haben nur einen Lendenschurz um, sind durch das Schwitzen, den losen roten Sand auf dem Boden und den zusätzlich durch das Kämpfen aufgewirbelten Staub völlig sandbehaftet. Einige schaufeln sich nach dem Kampf noch zusätzlich mit beiden Händen Sand über den Körper, der auf den schwarzen schweißglänzenden Körpern kleben bleibt, so dass sie wie Wilde aussehen. Es erinnert an Bilder von Elefanten, die sich als Schutz vor Parasiten Sand über die Haut werfen. Ab und zu gibt es Verletzungen, aber die werden nicht weiter beachtet. Der Trainer, ein hünenhafter Ringer, geht immer herum und verbessert die Ringer, einige spornt er an, einige schimpft er aus. Neben den Ringern sitzen auf einer Holzbank 5 Trommler, die auf senegalesischen Seoroba-Trommeln Rhythmen spielen, die mich in ihrer Kompliziertheit völlig verwirren. Mit dünnen Stöcken und der linken Hand abwechselnd peitschen sie die wahnwitzig schnellen Rhythmen auf den scharf gespannten schlanken hohen Trommeln, dass einem Hören und Sehen vergeht. Besonders die Soli sind von einer anderen Welt. Mit einer Leichtigkeit lösen sie sich vom sowieso schon vertrackten Rhythmusgeflecht, spielen so schnelle Offbeats oder ganz freie Rhythmen, die über den anderen zu schweben oder zu vibrieren scheinen. Es sind nicht die rollenden Malinke-Rhythmen im 12/8, sondern eher die schnellen Mbalax-Rhythmen, die auf einem 4/4-Takt aufgebaut sind, den man aber kaum noch wahrnehmen kann. Man merkt, es ist etwas Regelmäßiges da, aber wo ist bloß die 1 ? Als ich sie auf Wolof anspreche, weil ich sie für Senegalesen halte, und damit Recht habe, geraten sie völlig in Exstase, weil sie hier ja im fremden Ausland sind und spielen vor Begeisterung noch schneller. Sie feuern mit dem Spielen die Ringer an, so dass das Ganze im Halbdunkel der schwachen Glühbirnen, neben der stark befahrenen Straße, noch zusätzlich eine erregende, fast surreale Wirkung hat. Fotos sind nicht zu machen, weil die Luft so voller Sand und Staub ist.

Besuch bei Christof Wackernagel (wer ihn nicht kennt, einfach mal auf die Homepage gucken. Schauspieler in vielen bekannten deutschen Filmen und Serien, Buchautor). Christof ist in ein luftiges Gewand aus leichter Hose und leichtem Hemd in afrikanischem Schnitt gekleidet, beige mit naturfarbenen traditionellen Mustern darauf, was ihm sehr gut steht. Wir besichtigen zunächst seine Burg , hoch oben auf dem Hügel von Bankoni Razel thronend, ein schneeweißer unregelmäßiger hoher Komplex, wie eine Kasbah, mit von ihm selbst gemalten wunderbaren bunten Bildern darauf. Es sieht fantastisch aus. Fantasievolle Formen und Farben. Eine Mischung aus traditioneller somalischer und malischer Architektur, seiner eigenen Formensprache und seinem Malstil, an Miro erinnernd, mit dem er schon die Mauer seines ersten Hauses verziert hatte. Dabei alles mit bescheidenen finanziellen Mitteln gestaltet, kein Prunk, nur Fantasie. Wir müssen noch mit Leitern in die oberen Stockwerke, weil die Wendeltreppe in das oberste Geschoss noch nicht fertig ist. Oben erwartet uns die atemberaubende Aussicht über ganz Bamako, der Bogen des Niger unter der Dunstglocke noch im Abendlicht schimmernd. Hier sitzen wir und löffeln die leckere malische Bohnensuppe vom Vortag, dazu der Luxus einer Flasche Rotweins. Um uns herum stimmen einige Muezzine ihren für uns immer noch exotischen Gesang an, begleitet von einigen Eseln, die ihr Brunftgeschrei ausstoßen. Ab und zu ziehen Schwaden von brennenden Müllhaufen zu uns hoch. Aber der Smog ist hier kaum zu spüren. Unten spielen zwischen den Hütten ein paar Jungs ihr abendliches Fußballmatch, trotz Lederballs einige barfuß. Über dem knochentrockenen Platz eine dichte Staubwolke. Wir sitzen und quatschen über Gott und die Welt, wobei Christof immer mal wieder seine Wutanfälle über Ungerechtigkeiten in der Welt, die Korruptheit der malischen Führungsschicht, die Verlogenheit der plötzlichen internationalen Einigkeit über die Schlechtigkeit Gaddafis,  die Verlotterung der Manieren der Jugend, die seiner Meinung nach unsägliche Hip Hop-Musik (Widerspruch meinerseits). Er regt sich auf, dass es einem die Schuhe auszieht, wird laut, gestikuliert, schreit. Ach, es tut gut, sich mit einem Menschen zu unterhalten, der nicht nur noch sarkastisch, zynisch oder ironisch ist, sondern einfach normal ehrlich zornig. Das haben wir schon fast verlernt. Wir sprechen auch über sein neues Buch Es , ein Riesenwälzer von 600 Seiten in DIN A3, eine Art Verarbeitung der deutschen Geschichte der RAF-Zeit in Traum-Form, der demnächst in Deutschland herauskommt. Er erinnert in der Anlage an Zettels Traum von Arno Schmidt. Für die Bevölkerung in seiner Umgebung produziert er in  drei Kühlschränken und einer großen Gefriertruhe gefrorenes Wasser in Plastikbeuteln, das er unter Selbstkostenpreis (25 CFA, also 3,7 Cent pro Beutel) verkauft. Es findet reißenden Absatz bei der Hitze, immer wieder werden wir von Kindern oder Erwachsenen unterbrochen, die Dji glacé kaufen und es dann genüsslich auslutschen. Seit 7 Jahren ist hier sein Lebensmittelpunkt, er fährt nur noch zum Drehen nach Deutschland.

 

Mit Ogomono (einem befreundeten Dogon) und Aukje, einer Holländerin besuchen wir ein Konzert im Le Diplomate . Schönes, großes offenes Lokal mit Plätzen zum Essen und Plätzen nur zum Hören. Wir sind natürlich mal wieder viel zu früh, es dauert ewig, bis sich der Raum füllt. Erst sind wir mit ein paar Chinesen und wenigen Franzosen allein. Gegen 23:00 kommen so langsam die Malier, darunter prächtig ausstaffierte Daily Divas , wie Ogo sie nennt. Sie haben die farbenprächtigsten Kleider an, die man sich vorstellen kann, üppig verziert mit Glitzersteinen und Applikationen, jeder Modeschöpfer würde hier neidisch werden. Überhaupt sieht man hier auf engem Raum die Vielfalt der Kleidung in Mali. Männer kommen in edlen schwarzen Anzügen oder bunten Hemden, prächtigen Boubous in allen Farben, oder in Kombinationen mit afrikanischem Hemd und Hose in den unterschiedlichsten Mustern und Designs. Oder auch in mit Goldfäden reich verzierten weißen Gewändern. Nirgendwo ist ein uniformer Stil auszumachen. Die Daily Divas , die wohl eher der oberen Mittelschicht angehören, sind übrigens gar nicht mal immer hübsch, sondern eher ziemlich beleibt, was einen etwas grotesken Gegensatz zu ihren prächtigen Kleidern bildet. Die Musik fängt erst um 23:30 an: Ein malischer Koraspieler, der in den USA lebt, begleitet von einer sehr guten Band (git,b,dr,djembe). Er hat die laute durchdringende Stimme der Griots und begleitet sich selbst mit der elektrisch verstärkten Kora.  Die Musik, eine Mischung aus traditioneller malischer Griot-Musik, Mali-Blues und jazzigen Elementen, wird allmählich lebhafter, und ein Eintänzer kommt dazu, der einfach unglaublich tanzt. Elegante Bewegungen, abrupter Wechsel zwischen ganz schnellen und sehr langsamen Bewegungen. In ihrer Polyzentrik scheinen die einzelnen Körperregionen eigene Antriebsmotoren zu haben, Arme wie Schlangen, selbst die Finger winden sich noch. Dazwischen, wie das beim afrikanischen Tanz üblich ist, parodistische Einlegen, komische Bewegungen, die das Ganze auflockern und zum Lachen reizen. Dann wieder virtuose Hüftbewegungen in der Hocke, mit fast bewegungslosem Oberkörper, abgelöst von kaum sichtbaren minimalistischen Becken-Bewegungen bei unbewegtem restlichen Körper. Und ich sag noch scherzhaft zu Jutta: und wenn er Dich jetzt auffordert? Nä , sagt Jutta, niemals! Mit so einem begnadeten Tänzer geh ich nicht auf die Tanzfläche (zumal sonst noch keiner tanzt). Und wie sie ihn so bewundernd anstarrt aus der sicheren letzten Reihe, in der wir sitzen, windet er sich auch schon tanzend durch die Zuschauerreihen, zielstrebig auf Jutta zu, die sich erschreckt abwendet. Aber er ist natürlich Profi und weiß, wie man die Frauen gewinnt, und schon findet sie sich allein mit diesem Supertänzer auf der Tanzfläche. Und sie macht ihre Sache gut, sie betanzen sich gegenseitig, andere Tänzer kommen dazu, eine wunderschöne hochgewachsene Malierin mit pechschwarzer seidig glänzender Haut am Nachbartisch, die wir schon die ganze Zeit beobachtet haben, klatscht Jutta bewundernd Beifall zu und kommt dann auch mit auf die Tanzfläche. Was kann es für ein schöneres Kompliment geben? Ich traute mich nicht auf die Tanzfläche mit meinen staubigen Teva-Trecking-Sandalen, obwohl ich mein schönes neues indigofarbenes Basin-Hemd anhabe. Außerdem können Musiklehrer nicht tanzen. Schließlich strömen auch die Daily Divas auf die Tanzfläche und der Koraspieler geht mit seinem Funkmikro auf die Tänzer zu und kommuniziert musikalisch mit ihnen. Als das vorletzte Stück angesagt wird, kommt ein junger Mann mit verkrüppelten, gelähmten Beinen auf die Tanzfläche gerutscht. Er hat seine Beine, die er nicht bewegen kann, im Schneidersitz unter sich, schleppt sie so mit. Man denkt, er will um Geld betteln, aber er fängt mitten zwischen den anderen Tänzern an zu tanzen, dass es einem den Atem verschlägt. Das Publikum starrt gebannt auf die Tanzfläche. Dieser Oberkörper ohne Unterleib tanzt so elegant, stellenweise so wild, dass man das Gefühl hat, er braucht seine Beine gar nicht. Er sprüht vor Energie, die Arme wirbeln um ihn herum, er strahlt eine Freude aus, dass sich jedes Mitleid erübrigt. So möchte ich mich können! Irgendwie ein Symbol für das Mali, das wir so lieben: die Menschen eines der ärmsten Länder der Welt (abgesehen von der reichen korrupten Oberschicht) strahlen trotz schwierigster Umstände eine solche Lebensfreude aus, dass man richtig beschämt ist als nörgelnder Europäer.

Besuch in einer malischen Familie. Eine unserer vielen Einladungen führt uns zu Founé, einer Schwester Amadous. Das Haus in einem Vorort zu finden ist wie immer ein Problem, der Taxifahrer muss mehrfach anhalten, fragen, mit Foune telefonieren. Es gibt nämlich keine Straßennamen, nur Nummern. Schließlich bleibt er irgendwo stehen und sie kommt uns abholen. Die Begrüßung dann so herzlich, dass wir sehr berührt sind. Sie nimmt uns beide an die Hand und führt uns zu ihrem Haus. D.h. es ist eher ein großer Innenhof, um den drei Häuser gruppiert sind. Open air-Küche, wie üblich. Mitten drin eine unfertige Treppe aus Beton, die oben ins Nirgendwo führt, aber als Ablage für alles Mögliche benutzt wird.  Der Hof wimmelt von Kindern, sie meint, es müssten etwa  15 sein, die zur hier wohnenden erweiterten Familie gehören, genau weiß sie es nicht. Natürlich gibt es hier keinen Ventilator und keine Klimaanlage, so wird  Jutta bei immer noch 39° von der kleinen Fatoumata, der Letztgeborenen, die sie auf den Schoß bekommt, richtig schön vollgeschwitzt. Wie immer ist die familiäre Situation für uns sehr unübersichtlich. So viele Schwiegermütter, Cousins, Tanten, Brüder, Enkel wohnen hier, dass wir irgendwann aufgeben, es  verstehen zu wollen. Dazu kommen die ganzen Besucher, die fortwährend herein kommen und die Tubabs sehen wollen. Alle, ob entfernte Verwandtschaft oder nur Nachbarn, werden ausführlich vorgestellt, es ist ein Kommen und Gehen wie im Taubenschlag. Ihr Mann arbeitet noch auf dem Markt, kommt später in seinem blauen Boubou auf einem Motorrad. Wir zeigen auf dem Netbook  Bilder von Amadou, von Jules Familie in Tanzania, jedes Bild wird laut kommentiert und macht die Runde. Dabei sitzen wir auf den üblichen furchtbaren Stühlen: mit losen gewickelten Plastikschnüren als Sitzfläche, sodass man die Wahl hat, sich entweder tiefe Riefen ins Sitzfleisch zu sitzen, durch die auseinanderrutschenden Schnüre durchzufallen oder sich nicht mit dem vollen Körpergewicht  niederzulassen, was sehr in die Oberschenkelmuskeln geht. Zudem sind die Stuhlbeine ganz kurz, sodass man eigentlich sowieso fast auf dem Boden sitzt. Kinder laufen, liegen herum, spielen überall. Unsere Geschenke für die Kinder kommen sehr gut an, sie werden sofort eingesetzt, auch von den älteren Mädchen. Am besten kommt das Kilo Murmeln an, was wir mitgebracht haben. Kinderspielzeug ist hier nämlich nicht üblich. Zwischendurch kommt eine  Gruppe Schafe hereingetrabt, die irgendwo hinten wieder verschwindet. Wir bekommen zwischendurch auch mal das Ehebett angeboten. Wir seien doch bestimmt müde und könnten uns gerne drinnen im Bett ausruhen (das haben wir bei Besuchen immer erlebt). Gastgeber gehen übrigens auch gern mal eine ganze Zeitlang weg und lassen einen allein. Um 19:00 heißt es dann beten (für alle), unter Führung des Vaters, der mantraartig am Anfang ein Wort immer  im Singsang wiederholt. Die anderen stimmen nach und nach ein. Schließlich beten alle, bis auf die ganz kleinen Kinder, auf Matten, die Frauen, auch Foune mit Kopftüchern verhüllt. Dass wir mittendrin sitzen, stört keinen. Die Hausmädchen kochen währenddessen laut klappernd weiter, Schafe blöken. Dann bekommen wir als Gäste das Essen als Erste: brauner Maniok-Couscous mit einer etwas undefinierbaren braunen Sauce, die mit Chillies geschärft wird, kein Fleisch, kein Gemüse. Ein normales malisches Essen. Ajarra, ajarra! (c est bon!) sagen wir wahrheitswidrig. Eine Stunde später, um 20:00 nochmal die gleiche Gebets-Prozedur (das 5.Gebet am Tag). Nur fürs Beten wird der Fernseher ausgestellt, sonst wird er ungerührt in voller Lautstärke laufen gelassen, trotz Besuch. Die Kinder gucken nach Bedarf zu, auch eher gewalttätige Serien. Wir erfahren hinterher, dass der Ehemann ein Soninke ist, eine Volksgruppe, die sehr strenggläubig ist und die muslimischen Gebete wirklich penibel einhält. Der Junge, der beim zweiten Gebet im Stuhl sitzen bleibt, kriegt nur einen scharfen Blick des Hausherrn zugeworfen und schon steht er zum Beten auf.  Danach essen die Männer und älteren Jungs, wir müssen den Platz räumen. Noch später essen dann die Frauen und Mädchen an anderer Stelle. Wie üblich alles sehr getrennt. Nachbarn und Freunde, die uns sehen wollen, kommen weiter zu Besuch.  Inzwischen ist die Schwiegermutter auf ihrer Liege vorm Fernseher eingeschlafen, einige Kinder liegen einfach auf dem Boden des Hofes und schlafen, das Baby wird mal eben dazwischen gelegt, andere Kinder spielen darum herum wild Fußball, einige sind in die Murmeln vertieft, andere hängen vorm Fernseher und schauen zu, wie in einer Serie ein Mann seine Frau verprügelt. Dann gibt es die komplizierte afrikanische Teezeremonie. D.h. grüner Tee wird lange mit viel Zucker gekocht (50% Tee, 50% Zucker), viele Male umgeschüttet, bis er schäumt und dann werden die verschiedenen Aufgüsse in kleinen Gläsern gereicht, uns zuerst. Überraschenderweise kommt noch eine frauenbewegte Freundin der Schwiegermutter. Sie war geradeauf einer Versammlung, auf der über die schlechte gesellschaftliche Stellung  der Frauen in Mali diskutiert wurde. Das wird hier natürlich weiter diskutiert, der Hausherr geht schon mal rein, Fußball gucken. Für uns sehr interessant, weil Afrikaner/innen normalerweise nicht über persönliche oder soziale Probleme sprechen. Da ist sie eine große Ausnahme und verschafft uns einige Einblicke in die Probleme der Stellung der Frau in Mali.  Mit ungläubigem Staunen wird übrigens aufgenommen, dass Julia arbeitet und sich ihr afrikanischer Mann Tamim ganztägig um Nuria kümmert. Wir spielen viel mit den Kindern im Hof, was für Afrikaner völlig unüblich ist, aber die Kinder genießen es. Die Verabschiedung ist ebenso herzlich wie die Begrüßung (mit allen zwei Küsse links, zwei rechts), wir werden mit einer großen Delegation zur etwas weiter entfernten größeren Straße gebracht, wo selbstverständlich der Preis für das Taxi von der Gastgeberin ausgehandelt wird. Besuche bei Familien sind schön, aber sehr anstrengend (schon wegen der Stühle), unter 5-6 Std. kommt man dabei nicht weg.

Djenné. 670 km durch hitzeflimmernde Trockensavanne, die Temperatur steigt bald nach Bamako auf 42° und wird ab nun diese Marke täglich erreichen. Wir leeren eine Wasserflasche nach der anderen. 10 Std. brauchen wir für die Strecke, teils gute, teils schlaglochübersäte Straße. Wir sind froh, dass wir mit Philippe im Renault fahren und nicht den wesentlich billigeren Linienbus genommen haben. Wir haben zwar keine Klimaanlage und die Luft draußen ist wie im Backofen, selbst bei schneller Fahrt, aber wir haben es wenigstens bequem. Kurz vor Djenné, nach der Flussüberquerung über den Bani mit der klapprigen Fähre, scheinen wir in einen historischen Film zu geraten: uns begegnen Ochsenkarren mit Holzrädern, voll beladen mit Menschen und verschiedensten Waren, bunte von Eseln gezogene hölzerne Wagen, die völlig überladen sind, zu Fuß und auf Pferden, Eseln oder Zebu-Rindern alle Ethnien, die Mali zu bieten hat: Die Peul mit ihren farbigen großen spitzen Lederhüten, die Tuareg mit ihrer indigofarbenen Turbanen und Umhängen, Schafe vor sich her treibend, die Bozo mit den Resten ihres Fischfangs, die Songhai, die Bambarra in ihren prächtigen Basin-Gewändern, die Soninke. Dazwischen einige abenteuerlich alte und überladene LKWs, oben auf der aufgetürmten Ladung noch Massen an Passagieren, die uns klar machen, wir sind nicht im Mittelalter. Und es handelt sich auch nicht um Dreharbeiten zu einem Film. Es ist auch nicht für Touristen inszeniert, da es keine gibt zur Zeit. Das ist einfach der ganz normale Aufbruch vom berühmten Montagsmarkt in Djenné, der Weltkulturerbe-Stadt. Wir schlängeln uns mit dem Auto durch das Markttreiben, kommen an der berühmten Lehmbaumoschee vorbei, die gerade frisch gelehmt ist. Mit 18m Höhe ist sie die größte Moschee der Welt, die nur aus Lehm gebaut ist. Jetzt ist sie wegen des Marktes und des Harmattans in dichten Staub gehüllt, hier allerdings kein Smog wie in Bamako. Wir freuen uns über die Klimaanlage des kleinen Hotels Pondori und verkriechen uns unter die Moskitonetze. Nach Abstimmung mit Miranda, unserer amerikanischen Peacecorps-Mitarbeiterin, fahren wir am nächsten Tag zu unserem eigentlichen Ziel, nach Senossa, wo wir unser Krankenhaus-Hilfsprojekt weiter voranbringen wollen. Miranda heißt jetzt Wassa Bocoum, weil sie zwei Jahre beim Ex-Bürgermeister des Dorfes wohnt und für das Peace Corps Projekte durchführt. Sie wohnt in einer einfachen Lehmhütte, ohne Strom, ohne Fließwasser, ohne jeglichen Luxus, bewundernswert. Wie kommen wir hin? Taxis gibt es hier nicht, Eselskarren sind billig, uns aber zu langsam bei der Hitze. Miranda empfiehlt das Motorradtaxi und so düsen wir am nächsten Morgen mit der großen Tasche mit Medikamenten und Geräten unterm Arm über die Sandpiste nach Senossa, wo wir schon sehnsüchtig erwartet werden. Wir kramen unsere Fulla-Brocken heraus, denn Bambara sprechen hier nur wenige. Das Krankenhausteam, der stellvertretende Bürgermeister und einige andere begrüßen uns herzlich, wir besichtigen das mit unseren Spendengeldern neu gebaute Gebäude, packen unsere Geschenke aus und besprechen die benötigten neuen Anschaffungen mit dem Chef de Poste , dem jungen Leiter des Krankenhauses. Um ½ 1, bevor es ganz heiß wird, wollen wir zurück. Dem steht nun allerdings eine Essenseinladung entgegen, so braten wir unter dem heißen Blechdach des Krankenhauses noch 1 ½  Stunden, bevor wir das leckere gebratene Huhn mit Pommes und Salat verzehren dürfen, natürlich mit sieben Leuten um die Schüssel, alle mit der Hand essend. Wir bekommen die vom Chef abgepulten besten Fleischstücke hingeschoben. Wir hören, dass das Krankenhaus kein Geld für Reinigungsgeräte hat. Die besorgen wir am Nachmittag in Djenne und kommen am nächsten Tag mit Besen, Schrubbern und Putzeimern unterm Arm auf dem Motorrad durch die Wüste gefahren. Die Peul, die uns unterwegs begegnen, gucken ungläubig: ein weißer (!) Mann (!) mit Besen (!) unter dem Arm auf einem Motorrad? Zumal ich meinen ziemlich dämlichen Cowboyhut aufhabe, den ich mir kaufen musste, weil mein  schöner Strohhut in den Indischen Ozean geflogen war. Die Association des Femmes verspricht auf unsere Anregung hin, mit den Putzgeräten das Krankenhaus einmal wöchentlich kostenlos zu putzen. Dann geht s zum Bürgermeister. Wir machen mit ihm einen Vertrag über die Beteiligung des Dorfes am Neubau des Hauses für den Chef de Poste. Nach ausführlichen und weitschweifenden Reden über die deutsch-malische Freundschaft und Hamburg und Senossa im Besonderen, langen blumigen Lobesreden über unser Hilfsprojekt erwähne ich noch kurz, dass wir leider nicht so viel Geld wie Gaddafi zur Verfügung hätten, dafür aber für die Bevölkerung spenden würden, nicht für die Regierung. Das kommt sehr gut an und wird mit großem Beifall quittiert, weil das ein ganz heikler Punkt in Mali ist. Gaddafi hat in Bamako quasi alle Luxushotels gestiftet, dazu eine ganze Cité administrative , die wie ein Fremdkörper aus 1001 Nacht als Geschenk für die Regierung am Niger steht. Das macht die Bahn frei für Vertragsverhandlungen und wir erreichen  eine noch weiter gehende Beteiligung des Dorfes am Neubau. Jede Familie soll jetzt nach dem Willen des Bürgermeisters eine bestimmte Menge an briques (Lehmziegeln) herstellen als Spende für das geplante Haus. Der anschließende Rundgang durch das Dorf, auf dem wir in vielen Lehmhäusern unseren Besuch abstatten müssen, u.a. beim ehemaligen Bürgermeister, endet damit, dass wir beladen mit Geschenken die Rückreise antreten: eine große Fula-Bettdecke und drei lebende prachtvolle Hähne. Ich habe noch nie einen lebenden Hahn getragen und habe immer Angst, dass er mich in die Hand pickt. Bei jedem Flattern erschrecke ich, was die Leute sehr amüsiert. Die ganze Zeit überlege ich mir schon, wie ich das nachher auf dem Motorrad mache, in einer Hand den flatternden Hahn, mit der andern krampfhaft den Fahrer umklammernd, hoffend, dass ich auf der schlaglochübersäten Sandpiste nicht runterfliege. Aber Gottseidank wird der Hahn dann kopfüber an den Lenker gehängt. Im Hotel kommt er dann sowieso in die Pfanne. Jetzt gibt es also bis auf Weiteres Huhn. Abends sitzen wir noch in einem kleinen improvisierten Restaurant, wo es Bier gibt (sonst nirgends) draußen und gucken in der Abendsonne auf das idyllische Treiben am Flußufer. Staubverkrustete Jungs spielen Fußball, barfuß auf sandig-steinigem Untergrund, der mit Abfällen übersät ist. Der Ball ist aus verknoteten Stofffetzen zusammengebastelt. Unten spülen junge Frauen Töpfe und Geschirr im Fluss, balancieren riesige Geschirrberge auf dem Kopf nach Hause. Ein junger Tuareg mit blauem Turban schiebt sein Fahrrad durch den Fluss, auf dem Gepäckträger eine Hacke und ein Topf. Eine Kindergruppe hat eine Piroge erbeutet und stakst die begeistert schreiend durch das flache Wasser, einem Eselskarren ausweichend, der sich durch den schlammigen Untergrund quält. Einige Bozo fischen mit ihren kleinen runden Wurfnetzen. Von rechts zieht jetzt inmitten einer Staubwolke eine unübersehbare riesige Kuhherde ins Bild, sie durchquert den Fluss, trottet dann direkt vor uns gemächlich  ins Dorf. Schöne Tiere mit sehr langen geschwungenen Hörnern. In kleinen Gruppen suchen sie sich zielstrebig alleine ihren Hof im Dorf. Inmitten der durchziehenden Massen spielen vier Jungs am  Strand weiter ungerührt Marmeln. Als wir im Dunkeln zum Hotel zurückkehren, sehen wir  unter jeder Straßenlaterne eine große Gruppe Koranschüler sitzen, ihre Holztafeln mit arabischen Schriftzeichen vor sich, unaufhörlich ihre Verse vor sich hersagend. Eine andere Welt.

 

 Am nächsten Tag werden weitere Sachen besprochen. Wir beschließen, die Benzinkosten für den Kühlschrank, die das Krankenhaus monatlich belasten, für ein Jahr zu übernehmen, was den sympathischen Chef de Poste vor Freude fast ausflippen lässt, er stößt den schon beschriebenen 1000Hz-Quietscher aus und verspricht, für uns heute zu kochen (als Mann!!). Tatsächlich kommt er abends im Dunkeln durch die Wüste auf dem Motorrad zum Hotel, auf dem Gepäckträger zwei Töpfe mit Reis und Erdnusssauce, zu dem das heutige Huhn bestens passt. Wir quetschen ihn zu den Gehältern aus: er bekommt bei 7-Tage-Woche ohne Urlaub 85.000 CFA im Monat, das sind 120 €. Die Hebamme Oumou und Hadji, der Impfarzt je 40.000 CFA, also 60 €. Den beiden fehlen allerdings insgesamt 13 Monatsgehälter, die nicht ausgezahlt worden sind. Unser (einfaches) Hotel kostet 26.000 pro Nacht. Ich beschließe, mich zukünftig im privaten Kreis nicht mehr über Gehaltskürzungen aufzuregen. Wir besuchen noch den Schmied in Djenné, besprechen mit ihm die Reparatur des Brunnendeckels, handeln mit dem Maurermeister noch den Preis für die Baukosten des Hauses herunter (Dauer ca. eine Stunde) und sind mit unserem Besuch in Senossa hochzufrieden, weil wir durch die Mithilfe Wassa Bocoums und der Dorf-Verwaltung ein Haus für den Chef de Poste finanziert bekommen haben, was vorher unfinanzierbar erschien. Die Spendengelder sind so optimal und zur Zufriedenheit des Dorfes eingesetzt worden.

 

 

Schule in Bamako. Amalla, Amadous Bruder, ist Junglehrer in einer Schule in Missira, einem durchschnittlichen Stadtteil in Bamako. Wir verabreden uns im Zimmer des Schulleiters: ca. 6 m² groß, voller Staub, der freundliche Schulleiter empfängt mich herzlich hinter seinem fast zusammenbrechenden alten Holz-Schreibtisch. Der Boden voller Heftstapel, die keinen Platz mehr auf dem Schreibtisch finden. Auf dem Schreibtisch ein uralter - ja, kann man so etwas noch Computer nennen? Offenes Fenster ohne Fensterscheiben, wie überall, wo es keine Klimaanlagen gibt. Dadurch ist der Sand und Staub überall. Überquellende Regale, zerbröckelnde Wände. In der Ecke steht ein großes Tongefäß mit Wasser, mit einem alten Plastikdeckel von einem Farbeimer zugedeckt, darauf ein Plastikbecher, der an einem Band befestigt ist. Alle Augenblicke kommt ein Schüler oder eine Schülerin herein (die Tür ist immer offen) und schöpft mit dem Becher Wasser aus dem Gefäß, um zu trinken. Eine Trinkwasser-Quelle für alle Schüler/innen und Lehrer/innen der Schule. Ein Becher für alle. Der Direktor erklärt mir, dass dieser Teil des Schulzentrums 6 Klassen hat, jeweils zwei 7., 8. Und 9.Klassen. Die kleinste Klasse (Amallas, die ich gleich besuchen werde), hat 60 Schüler, die größte 125. Es sind also ca. 500 Schüler in diesen 6 Klassen. Amalla unterrichtet Mathematik, Chemie und Physik. Räume dafür gibt es keine, es findet alles im Klassenraum statt. Für Physik und Chemie gibt es keinerlei Geräte, Materialien oder Chemikalien, alles wird rein theoretisch an der Tafel gelehrt. Manchmal bastelt er sich aus Alltagsgegenständen und materialien eine kleine Versuchsanordnung. Ansonsten Formeln an der Tafel. Ich erzähle ihm nicht genau, wie unsere naturwissenschaftlichen Räume eingerichtet sind, er wäre zu beschämt und deprimiert. Wir kommen in die Klasse, in der mir gleich die tiefen quadratmetergroßen Schlaglöcher im Boden auffallen, die bestimmt 20cm tief sind. Große Teile der hölzernen Deckenverkleidung hängen herunter, Risse in den Wänden, abblätternde Farbe. Die viel zu kleinen Zweier-Pulte der 7.Klasse sind immer von drei Schülern besetzt, die irgendwie ihre Gliedmaßen unter der einfachen Bretterkonstruktion unterzubringen versuchen. Einige der Pulte fallen fast auseinander. Die Tischordnung wird durch die Position der Schlaglöcher determiniert. Die Klasse guckt uns so freundlich und erwartungsfroh an, als wir mit Amalla hereinkommen, dass wir die äußeren Umstände fast vergessen. Die 60 sind sehr diszipliniert, stehen brav auf, begrüßen uns im Chor sehr höflich. Auch im weiteren Verlauf der Stunde gibt es keine Störungen, alle versuchen konzentriert mitzuarbeiten. Laut wird es nur, wenn Amalla eine Frage stellt, dann beugen sich 30 laut missjöh, missjöh rufende Schüler über ihre Bänke, melden sich wie wild, kämpfen verzweifelt um die Chance, wenigstens einmal in der Stunde zu Wort zu kommen. Das Meer der sich meldenden Arme ist unübersehbar. In diesem Moment kocht der Zorn in mir hoch: warum ist die Welt so ungerecht? Warum dürfen diese engagierten Schüler/innen nicht angemessen lernen? ich könnte Bomben schmeißen, Tränen steigen mir in die Augen. Amalla erklärt die Winkelmessung an der Tafel, benutzt dabei alte  halb zerbrochene Geräte, die er sich beim Schulleiter holen musste. Die drei bis vier Geodreiecke, die unter den Schülern der Klasse vorhanden sind, gehen von Hand zu Hand, so dass das Abzeichnen und anschließende Üben sehr lange dauert. Wir kaufen später (zumindest für diese Klasse) einen Satz Geodreiecke (60 Stück, für 50 €). Dann bin ich an der Reihe. Musikunterricht gibt es nicht in Bamako, weil es keine Musiklehrer gibt. Vielleicht ist dies überhaupt die einzige Musikstunde in Bamako in einer öffentlichen Schule in diesem Jahr. Rhythmus lieben sie natürlich, hochkonzentriert klatschen sie die Rhythmen nach, die ich vorklatsche, stellen eigene vor. Amüsieren sich über die Backentrommel mit verschiedenen Tonhöhen, die sie eifrig üben. Auch bei Bodypercussion sind sie in ihrem Element. Im Anschluss an die Frage nach bekannten malischen Musikern verstehe ich mein eigenes Wort nicht mehr, so viele fallen ihnen ein, jeder will einen nennen. Und mutig sind sie auch! Als es darum geht, alleine einen Song eigener Wahl vorzutragen, gibt es so viele Meldungen, dass ich nicht alle in dieser Stunde drannehmen kann. Sowohl Mädchen als auch Jungen tragen vor der 60köpfigen Klasse ihr traditionelles malisches Lied, ihren Hiphop-Beitrag, ihren Lieblingssong aus den amerikanischen Charts oder ihr Griot-artiges Lied vor, einige mit aus dem Fernsehen abgeguckten Choreographien und kleiner Show. Sehr mutig (wenn auch nicht immer die richtigen Töne treffend)! Zum Schluss üben wir den Kanon He Ho, spann den Wagen an , ihr erstes deutsches Lied. Der Text macht Probleme, obwohl sie den übersetzten Inhalt gut nachvollziehen können, aber nach einiger Zeit trauen sich die ersten sogar schon alleine. Als Kanon klappt es noch nicht so gut, weil die meisten lieber die erste Zeile wiederholen (wegen des He Ho), aber es macht allen Spaß und alle machen mit. Nach der Stunde spreche ich noch im Lehrerzimmer mit einigen Kolleg/innen über die heutige Schülergeneration, ehe mich der Schulleiter herzlich verabschiedet, mit der Bitte, doch wieder zu kommen. Als wir aus dem Schulgebäude hinaus auf die Straße kommen, hören wir vom Schulhof her ganz laut sogar noch im Taxi He Ho, spann den Wagen an! .

3. Bericht aus Tanzania (24.2.2011)

Rundmail 3 Tanzania, 24.2.2011

Mich fröstelt. Ich ziehe meine Fleecejacke etwas höher, zittere mit Kurt Wallander, der durch Nebelschwaden bei Temperaturen knapp über Null mit seinem Auto nach Ystadt fährt, auf der Flucht vor einem unbekannten Verfolger. Im Hintergrund höre ich Kinderstimmen in einer mir unbekannten Sprache, wahrscheinlich schwedisch. Was wollen wir heute essen? Soll ich Elchsteak bestellen? Nach dem Spaziergang über den zugefrorenen See? Ich blicke kurz hoch und sehe direkt vor mir auf dem Baum ein Chamäleon mit seinem typisch ruckelnden Gang einen Zweig entlang schleichen, ein im Wind bewegtes Blatt imitierend. Eine Fata Morgana? Ich schrecke hoch. Ich bin gar nicht in Schweden! Henning Mankell hat mich mit seinen magisch-depressiven Atmosphären-Beschreibungen entführt, hatte es aber auch leicht, weil mich wirklich fröstelte. Es sind frische 21°C in Lushoto in den Usambara-Bergen, in unserem katholischen Hostel der Usambara-Sisters . Die Kinderstimmen sind natürlich nicht schwedisch, sondern suaheli.  Es sind die Schülerinnen und Schüler des katholischen Berg-Internats, die gerade ihre 400 frisch gewaschenen weißen Socken auf der Buchsbaumhecke zum Trocknen legen, um dann in die Kapelle zu gehen und christliche Lieder zu singen, mit afrikanischer Trommelbegleitung, alle schön im 12/8 Takt, so dass der Rhythmus afrikanisch rollt . Ein ganz anderes Feeling von Kirchengesang. Wir sitzen auf dem Balkon, schauen ins Tal, wo noch die Nebelschwaden der Nacht hängen (s.Wallander). Seit zweieinhalb Monaten zum ersten mal nicht schwitzen! Wir können es kaum fassen. 1200m hoch und schon kann man frei atmen. Lushoto sollte einmal die Hauptstadt von Deutsch-Ostafrika werden, wegen des angenehmen Klimas. Kann man verstehen. Die Eisenbahnschienen von Krupp liegen auch noch. Es wurde dann aber doch Dar es Salaam zur Hauptstadt gewählt, weil es Hafenstadt ist und man mit Dampfschiffen und Kanonenbooten von hier das Land besser kontrollieren konnte. Der Name Lushoto klingt klangvoller, als der kleine Ort in Wirklichkeit ist. Ein größeres afrikanisches Dorf mit viel Schmutz, zerfallenden Häusern, kaputten Straßen (überwiegend Feldwege und Pisten), mit Plastikabfall im Fluss, dazwischen einige alte deutsche Kolonialbauten, die sehr fremd wirken. Im schönsten, einem kleinen weißen Palast hoch oben am Hang, in dem immer der deutsche Kaiser unterkam, verbringt  jetzt der tansanische Präsident seine Urläube. Der Ort ist allerdings landschaftlich wunderschön gelegen, von grünen Bergrücken umgeben, teils Eukalyptuswälder (ökologisch schlecht), teils Bananen-Plantagen, Maisfelder, Pfirsichbäume, andere exotische Gewächse, teils aber auch noch montaner Regenwald. Überall fließen Bäche, es herrscht kein Wassermangel. Das Klima das ganze Jahr hindurch angenehm, immer um die 23°C, häufig sonnig, aber immer wieder mal Regenfälle. Das ganze Lebensgefühl ist völlig anders. Wir atmen regelrecht auf. Skurril allerdings das ständige Nebeneinander von kolonialer Vergangenheit, afrikanischer Dörflichkeit und Missionsstationen aller katholischer und evangelischer Richtungen, die im Lauf der Jahre für gute Schulbildung und Krankenversorgung gesorgt haben, als Nebenprodukt aber auch für einige Annehmlichkeiten für Weiße, wie z.B. die Produktion leckerer Marmeladen und von vernünftigem Brot, nicht zu vergessen die Weinproduktion. Von hier wird bis nach Dar es salaam geliefert. Brother Celeste vom Sakharani-Kloster, den wir besuchen, ein ganz hagerer Bayer aus Würzburg, hat mit zwei weiteren Benediktiner-Mönchen sich hier eine riesige Farm aufgebaut, inmitten der Eukalyptus-Wälder steht eine kleine bayrische Kirche, ein Pfarrhaus im süddeutschen Stil, ein großes professionelles Sägewerk, daneben ein Weinberg, große Macadamia-Plantagen (Vertrieb von Nüssen und Öl in ganz Tanzania und Kenia), Gemüse-Anbau für den Eigenbedarf, Brombeerhecken, schöne deutsche Blumenbeete. Das alles wirkt in dieser Einöde fast rührend und man bewundert den Mut, sich auf ein solches Leben einzulassen. Neulich, erzählt er, habe ihm die Tanesco (korrupter tansanischer staatlicher Elektrizitätskonzern, zuständig für die schon häufig erwähnten Powercuts) mal wieder über Nacht 300m Starkstromkabel geklaut (Wird wegen des hohen Kupfergehalts nach Kenia geschmuggelt). Nach Anruf am Morgen kamen dann scheinheilig die Arbeiter und installierten gegen Zahlung saftiger Gebühren eine neue Leitung. So ist Bruder Celeste auch leider ein richtig depressiver, negativ denkender Mensch, der sich über alles beklagt, vor allem die Korruption, die fehlende Bildung der Einheimischen, den Aberglauben und die Trägheit. Warum ist er dann hier, frage ich mich? Jutta muss kurz aufs Klo im Pfarrhaus und erlebt einen kleinen Schock: alles penibelst eingerichtet wie in bayrischen Bauernhäusern, Läufer im Flur, Kleiderhaken, alles sauber, ordentlich, spartanisch eingerichtet, der Tisch ordentlich gedeckt, die Schuhe schön nebeneinander. Vielleicht hält man es nur so aus hier. Schade, dass er sich nicht an der wunderschönen Lage und der Landschaft erfreuen kann. Am zweiten Tag dann die erste Wandertour mit unserem kleinen, untersetzten supernetten Lushotoer Guide Kibwana. Wir bereuen es nicht, doch einen Guide genommen zu haben und nicht auf eigene Faust losgelaufen zu sein. Schon nach wenigen Metern zeigt er uns das erste Chameleon, das man durch seine Camouflage im Busch kaum erkennen kann: das Vorderteil ist grün, weil Blätter im Hintergrund sind, das Hinterteil braun, weil es auf einem Ast sitzt. Nach dem sechsten Chameleon geben wir es auf zu zählen. Wie er sie immer entdeckt, ist uns schleierhaft. Es ist übrigens das zweihörnige Usambara-Bergchameleon, das es nur hier gibt. Die beiden langen Hörner am Kopf sehen wirklich grotesk aus. Kibwana hat zu jedem Strauch, zu jedem Vogel, zu jedem Erdloch was zu erzählen. Wir sehen die Dominkanerwitwe , einen 12cm großen Vogel mit zwei 20cm langen Schwanzfedern, die beim Fliegen wie eine Schleppe hinterher wehen. Zehn Weibchen hat ein Männchen als Harem um sich, erzählt Kibwana, nee, das wär nichts für ihn, und dann immer noch diese langen Schwanzfedern mit sich herumschleppen, nur aus Angabe! Eine 5-Stunden-Wanderung ist anvisiert, ob wir das schaffen? Seit Monaten sind wir ja kaum längere Strecken gegangen, wegen der Hitze. Wir gehen einen steilen Weg hinauf, Kibwana führt uns zu seinem Dorf, erläutert uns dabei die Folgen der unkontrollierten Abholzung, die gefährliche Erosion, die man überall sehen kann. Eine Frage der Bildung, sagt er. Wenn die Regierung mehr in Bildung investieren würde, würden die Menschen mehr ökologische Zusammenhänge erkennen und vielleicht anders handeln. Er gehört einer Organisation an, die junge Menschen weiterbildet, sie von der Stadtflucht abhalten will, sie über Umweltfragen informiert. Das muss viel mehr in die Dörfer getragen werden, es ist schließlich ihre Zukunft, die zerstört wird . Das sind für uns hier in Afrika ganz ungewohnte, aber Mut machende Gespräche. In seinem Dorf wird erst der chief begrüßt (der Kibwanas  Großvater ist), das macht man so. Unser shikamoo kommt denn auch sehr gut an. Das Dorf liegt auf einem Bergrücken, so dass man eine wunderschöne Aussicht auf Lushoto und die umliegenden Berge hat. Wir sind jetzt schon 1400m hoch. Die kleinen Häuser aus selbst gebrannten Lehmziegeln sind denkbar einfach, haben meist ein Wellblechdach, was praktisch ist, aber für uns nicht so schön aussieht.

Wir besuchen das Haus seiner Schwester, ein sehr schöner runder Lehmbau, innen alles weiche runde Formen aus hellbraunem Lehm. Der Boden wird gerade neu gelehmt , d.h. mit der Hand wird eine neue dünne Schicht aus feuchtem Lehm aufgetragen.

Der Herd einfach eine kleine offene Feuerstelle aus Lehm auf dem Boden, ohne Schornstein. Der Rauch zieht durch das seitliche Fenster ab. Das sei doch sehr unangenehm, wenn der Wohnraum so verraucht ist, wenden wir ein. Das sei eben die Tradition hier, Schornsteine kenne man nicht.

 

Alle Dorfbewohner begrüßen uns sehr freundlich, die Kinder laufen uns nach, wollen uns die Hand geben. Wir besuchen die Dorfschule (600 Kinder). Erstaunlicherweise sind die Klassen nicht so groß, vielleicht  40-50 Kinder. Kibwana stellt mich als deutschen Mwalimu na Mziki (Musiklehrer) vor. Die Kinder begrüßen uns höflich auf Englisch im Chor. Die Unterrichtsmaterialien sehen sehr  veraltet und verkommen aus, die Farbe blättert von den Wänden und die junge Lehrerin beklagt sich über die schlechte Bezahlung und die schlechte Ausstattung der Schulen. Wie überall in Tanzania tragen die Schülerinnen und Schüler Schuluniformen. Jede Schule hat ihre eigene Farbkombination. Z.B. weiße Blusen/Hemden und rote Röcke/Hosen, dazu weiße Socken und Schuhe. Dies ist ein großer Kostenfaktor für die meisten Familien, weshalb es auch einen regen Secondhand-Markt für Schulkleidung gibt. Aber die optische Verwischung der sozialen Unterschiede zwischen den Schülern ist hier wohl noch wichtiger und sehr sinnvoll. Die weißen Socken sind natürlich bei all dem Staub immer ein Problem. Ich habe drei Schülerinnen beobachtet, die vor der Schule ihre vom Straßenstaub verschmutzten Socken einfach anders herum angezogen haben, so dass der Dreck innen war. Unsere Wanderung geht weiter durch Dörfer, Mais-Felder, Obstplantagen und wir kommen schließlich in den Berg-Regenwald, der hier feucht-kühl ist. Die Sonnenbrillen  werden weggepackt und wir sind von Dämmerlicht umfangen, Baumriesen verschwinden mit ihren Spitzen in 20m Höhe im Gewirr von Lianen und Schmarotzerpflanzen, bizarre Araukarien, ungewöhnlich geformte Cabbage-Trees , riesige Farnbäume lassen uns an vergangene erdgeschichtliche Zeiten denken, wir sind in einer anderen Welt, es riecht feucht und vermodert, der Wald ist voller Geräusche, unbekannter Vogelstimmen, kleine Bäche plätschern unsichtbar unter der Strauchschicht, wir folgen einem winzigen Pfad, ab und zu weist Kibwana uns auf Gruppen von Affen hin, die hoch oben herum turnen, schwarz-weiße Kolobusaffen und die Blue Monkeys , eine Meerkatzenart. Er hat Augen wie ein Adler, entdeckt alles. Auf einer Lichtung flattern Schmetterlinge in den buntesten Farben, sehr große und kleinere leuchtend orange oder türkis schillernde. Wir sehen den Seidenturako, einen großen dunkelgrünen Vogel mit roten Flügelunterseiten und schwarz-weiß-rotem Kopf, der tiefe bellende Laute von sich gibt, den Silberwangen-Hornvogel mit seinem absurd überdimensionalen Horn auf dem eh schon riesigen Schnabel. Der Fiskalwürger erinnert mich vom Namen her irgendwie an einen Amokläufer im Finanzamt, sieht aber eher unscheinbar aus. Auf Lichtungen dann wieder der grüne Bergspint, ein Bienenfresser schwarzer Augenbinde und gelber Kehle. Weitere Vögel, die wir hier entdecken, sind  Gelbbrustraupenfänger,  Schmarotzermilan,  Gelbbauchastrild, Gabelschwanzdrongo,  Augurbussard, Weißstirnweber. Und das alles fast ohne zu schwitzen (höchstens bei der Aussprache der Vogelnamen). Als wir nach 5 Stunden Wanderung auf einer Straße, besser gesagt Piste ankommen, holt uns der alte klapprige 4x4-Jeep ab und wir fahren 2 ½ Std. auf abenteuerlich schlechter Piste zu unserer Unterkunft, einem Konvent mitten in den Bergen. Der liegt zwar schön, atmet aber den Mief europäischer Kirche der 50er Jahre. Zudem ist der Generator kaputt, d.h. die Klos funktionieren nicht und es gibt nur Kerzenbeleuchtung. Die Betten wie in Jugendherbergen der 50er Jahre, dünne Matratzen auf durchhängenden Drahtgeflechten, kalt und muffig. Das überraschend gute europäisch angehauchte Abendessen versöhnt uns aber etwas (Rinderstückchen mit Röstkartoffeln und einer Art Sauerkraut), begleitet wird es von einem sehr heftigen Berg-Gewitter, so dass man sich kaum unterhalten kann. Geführt wird der Konvent von tansanischen katholischen Schwestern in sehr konservativer Schwesterntracht, weiße Hauben und blaue Überhänge (der Fachausdruck ist mir entfallen). Das wirkt in dieser afrikanischen Bergwelt reichlich skurril. Wir besichtigen die Kirche, die ganz europäisch aussieht, nur dass neben dem Harmonium fünf afrikanische Trommeln lagern.

Am nächsten Tag gibt es ein improvisiertes Mittags-Picknick bei einem Dorf auf einer Wiese, neben den Überresten einer deutschen Seilbahn von 1890, mit der Baumstämme transportiert wurden. Kibwana hat leckere frische Avocados, Tomaten, Chapatis und viel Obst gekauft, Guacamole zubereitet und wir machen es uns auf dem Boden bequem. In dieser entlegenen Gegend wirken wir natürlich wie Afrikaner, die ihr Picknick in Klanxbüll (Nordfriesland) auf der Dorfwiese ausbreiten, bloß umgekehrt, und so haben wir bald reichlich Zuschauer in Form von einer großen Gruppe Dorfjugend, die in respektvollem Abstand im Gras liegen und uns zuschauen. Wir geben ihnen natürlich was ab von unserem Essen, was mit großer Begeisterung in rasender Geschwindigkeit weggeputzt wird. Ich gehe zu ihnen (einige weichen zunächst ängstlich zurück) und mache ein bisschen Programm (auf Grashalm pfeifen, die Backentrommel mit Tonhöhen), das kennen sie nicht und machen engagiert mit. Dann natürlich das Musikstunden-Animationsprogramm mit  Rhythmus vorklatschen und nachklatschen, dazu Bodypercussion. Auch das hat offenbar noch nie jemand mit ihnen gemacht, es dauert, bis sie das Prinzip verstehen.  Als ich schließlich mit ihnen singen will und auf Zulu die allafrikanische Nationalhymne Nkosi Sikelel i Africa anstimme, stehen sie sofort alle in einer Reihe stramm, Hand militärisch an die Stirn und schmettern die Hymne aus voller Kehle auf Suaheli. In dieser Umgebung, zwischen Regenwald und abgelegenem Dorf seltsam bewegend. Sie singen uns dann auch noch die tansanische Nationalhymne vor. Weitere Lieder kennen sie aber offenbar nicht.

Wir verabschieden uns herzlich (leider waren keine Mädchen dabei) und fahren zu einem wunderbaren Aussichtspunkt in der Nähe, wo man auf einem Felsen 1000m hoch über der Massai-Ebene steht und weit ins Land blicken kann. Auf steilsten kleinen Feldern wird hier noch Mais angebaut, wir sehen von oben Bauern mit der Ernte auf dem Kopf auf den fast senkrechten schmalen Pfaden Hunderte von Höhenmetern nach oben keuchen. Arbeits- und Lebensverhältnisse, die man sich in ihrer Beschwerlichkeit kaum vorstellen kann. An einer anderen Stelle begrüßen uns Kinder, wir schenken den Kleinen Bonbons, dem Größeren einen Kugelschreiber (im Kiosk für 10 Cent gekauft). Er starrt das Geschenk ungläubig an, vollführt dann einen Freudentanz, hebt den Kugelschreiber dabei immer wieder hoch in die Luft und springt im Kreis herum und schreit sein Glück in die Usambara-Berge. Ein für uns beschämender Moment. Wir müssen den Menschen wie Milliardäre vorkommen in unseren Wanderschuhen, dem guten Rucksack, den praktischen Treckinghosen von Tchibo. Warum bloß laufen diese reichen Wazungu durch unsere arme Gegend? mögen sie sich denken. Aber alle begegnen uns sehr freundlich, versuchen sich auf Kisuaheli mit uns zu unterhalten.  Wir wandern weiter durch den Rainforest, vorbei an Gruppen von Wildbananen (Bananenbäume ohne große Früchte), wilden Kaffebäumen, immer wieder lianenbehängte Urwaldriesen, deren Spitze man nicht mehr sehen kann. Plötzlich kommen aufgeregt einige Frauen mit Holzbündeln auf dem Kopf angerannt. Als sie uns sehen, rennen einige in das Dickicht. Was ist los? fragt Kibwana. Es stellt sich heraus, dass sie illegal Holz sammeln und dass sie auf der Flucht vor den Rangern sind, die das Naturschutzgebiet bewachen. Kurz darauf kommt auch schon ein großer Jeep den Weg entlang gerast, Männer mit Gewehren und Macheten, einer mit Pfeil und Bogen, springen von der Ladefläche. Sofort rennen alle, Frauen, Männer und Kinder, ins Dickicht, lassen die Holzbündel fallen. Eine junge Frau wird von den Rangern erwischt und mit erhobener Machete auf die Ladefläche des Jeeps gebracht. Die Situation sieht sehr bedrohlich aus. Der Chef der Ranger erläutert uns, der Frau passiere nichts, sie würde nur belehrt und würde aufgefordert, die anderen Dorfbewohner über den Sinn des Schutzes der Wälder zu informieren. Kibwana erklärt uns aber, für illegalen Holzeinschlag gebe es bis zu 6 Monate Gefängnis. Tansanische Gefängnisse können wir uns gut vorstellen, deshalb befürchten wir Schlimmes für die junge Frau. Kibwana hat aber, obwohl er ja selbst Dorfbewohner aus der Gegend ist, Verständnis für die Ranger und findet ihre Arbeit aus ökologischen Gründen richtig. Die Folgen des illegalen Fällens kann man auch überall beobachten. Dass die Dorfbewohner die Bäume fällen, weil sie einfach kein Brennholz mehr finden und sich Holzkohle nicht leisten können, ist halt ein schwieriges Problem in seinen Augen. Die Regierung müsse mehr alternative Energien fördern und finanzieren. Solch moderne und aufgeklärte Denkweise haben wir in Tanzania sehr selten kennen gelernt. Auf dem weiteren Weg kommen wir auf eine große Lichtung, wo ein verfallenes Sägewerk steht, von Deutschen während der Kolonialzeit gebaut, noch mit uralten Maschinen, die von Pflanzen überwuchert sind. Der Schriftzug Krupp ist an mehreren Stellen noch erkennbar. Daneben unbewohnte Häuser, noch mit Resten von deutschen Blumenbeeten.

Auf einem Maisfeld sehen wir den beeindruckenden Hammerkopf , ein sehr großer brauner Vogel, dessen großer nach hinten gerichteter Schopf den Kopf hammerartig erscheinen lässt. Zu Hause, vom Balkon, beobachten wir noch lange den Natalzwergfischer, der kleinste Eisvogel mit seinem blau schillernden Gefieder und den witzigen Mausvogel, der sich einfach kopfüber an Zweige hängt, um sich zu putzen.

Die Woche in den Usambara-Bergen war für uns eine wunderbare Erholung: Schlafen ohne Ventilator, ohne Netz, manchmal sogar mit Wolldecke, gesunde Luft, Urlaub pur. Zurück in Daressalam holt uns die Unfähigkeit der staatlichen Tanesco ein, die jetzt bei 7 Tagen Stromabschaltungen angekommen ist. Man weiß nie, wann Strom da ist und wann nicht. Mal ist er für eine Stunde da, mal 24 Stunden gar nicht.  Brot backen, Kuchen backen, ein Vabanquespiel. Der halbfertig gebackene Teig muss manchmal weggeworfen werden. Dafür treffen wir viele interessante Leute aller Nationalitäten, die in der Nachbarschaft wohnen, machen schöne Dhau-Ausflüge auf benachbarte Inseln, werden häufig eingeladen (z.B. von Paolo, dem Chef der Finanzabteilung der Weltbank in Tanzania zum gemeinsamen Gnocchi-Kochen und Essen, was in einer richtig italienischen kulinarischen Orgie endet, die bis nach Mitternacht geht und in der der Wein in Strömen fließt). Es geht uns also auch gut, zumal wir uns immer wieder an unserem wunderbaren Enkelkind erfreuen.

16.Feb.2011. Inzwischen sind wir nach schwerem Abschied von Nuria und Familie in Bamako (Mali) angekommen, davon erzähle ich das nächste Mal, that s a long story , wie unser malischer Freund Ogomono sagt. Allein über diese ersten 4 Tage in Mali könnte ich schon wieder 5 Seiten schreiben (hier ist alles ganz anders), aber ich reiß mich zusammen!

Lasst es euch gut gehen, wir lassen es auch

Stefan Koettgen

 

2. Bericht aus Tanzania (3.1.2011)

Rundmail 2 Tanzania 03.01.2011

Liebe Familie, liebe Freunde, liebe Bekannte, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Schülerinnen und Schüler, liebe sonst Gesiezten (bitte das permanente Du im englischen Sinne verstehen),

doch, doch: Weihnachten gibt es auch hier. Direkt gegenüber der riesigen Überschwemmung auf der Straße, durch die sich nur die SUVs durchzufahren trauen (kleinere Autos kehren um) ein wohl gerade neu eröffnetes luxuriöses, prunkvolles Einkaufszentrum auf der Peninsula, wo die Reichen wohnen. Kein Mensch zu sehen weit und breit, es ist drückend heiß. Verloren und einsam sitzt vor dem menschenleeren Gebäude, zwischen den beiden prächtigen Aufgängen mit Marmorimitat, auf einem Stuhl ein schwarzer Weihnachtsmann, schweißüberströmt, mit seinem weißen Rauschebart, dicker Weihnachtsmannmütze im roten Plastik-Weihnachtsmannmantel und dicken Stiefeln. Er ist im Stuhl schon ziemlich weit nach unten gerutscht, hat das Handy am Ohr, um die Einsamkeit zu vertreiben. Hinter ihm ein schon halb herunter gefallenes weißes Bettlaken an einem Gerüst. Vorne auf der Straße steht ein ebenfalls schweißüberströmter Fotograf und wartet auf Kundschaft. Wer möchte sich mit dem schwarzen Weihnachtsmann fotografieren lassen? Irgendein Werbemanager des Einkaufszentrums muss sich das ausgedacht haben, um Kunden anzulocken. Eine Szene von erbarmungswürdiger Trostlosigkeit und unfreiwilliger Komik, wie sie sich ein Federico Fellini nicht besser hätte ausdenken können. Aber der arme in der Sonne dahin schmelzende Tansanier tut mir wirklich Leid. Um den Job bei sicher 45°C in der Sonne ist er wirklich nicht zu beneiden. Das Ganze aber auch ein Symbol für hier sehr verbreitete gigantomanische Fehlplanung finanzkräftiger Anleger aus Indien, China oder arabischer Staaten.

Sehr viel mehr gibt es von Weihnachten eigentlich nicht zu berichten. Unser Adventskranz ist aus Plastik, Kerzen wären schon geschmolzen, bevor sie angezündet sind. Am 24.12. essen wir Ente. Beim Nachbarn ausgesucht, also lebend und Bio. Tamim und unser Watchman Pius (Bedingung des Vermieters, dass er angestellt wird) schlachten sie am Morgen. Das Abbrühen und Rupfen klappt aber nicht so ganz, deshalb sitzen wir mit drei Mann noch eine Stunde lang mit Pinzetten und Rohrzangen, um die Federkiele herauszuarbeiten. Nach langem Kampf mit dem Backofen (dem die sekündlichen starken Spannungsschwankungen hier nicht gefallen) und unterbrochen von einer lächerlich kurzen einstündigen Stromabschaltung gelingt uns dann aber doch noch ein ganz passabler knuspriger Entenbraten, gefüllt mit frischen Cashewkernen und Äpfeln.

Bevor ich fortfahre, aber noch das ornithologische Update: Blauwangenspint, Mosambikgirlitz, Braunkopfliest, (Foto) Schmetterlingsastrild, Weißbrauenrötel, Senegalamarant, Graubrustparadiesschnäpper, Baumhopf, Brillenweber. Sind das nicht Namen zum Zungeschnalzen? Ernst Jandl hätte daraus mehrere Gedichte machen können. Im neuen Haus, in das wir jetzt gezogen sind (250m vom Strand entfernt), ist es übrigens noch leichter, Vögel zu beobachten. Das Esszimmer ist eine Art Wintergarten (guter Gag!?), aus dem man nach drei Seiten in den Garten gucken kann. Das Fernglas liegt immer bereit, um die vielen verschiedenen Bäume und Büsche im 2000m²-Garten, von der 20m-Kokospalme über den schönsten aller Bäume, den rotübergossenen Christmastree bis zur Bougainville nach Vögeln abzusuchen. Die Kleinelsterchen (heißen wirklich so) brüten sogar auf einem riesigen, ganz spitzstacheligen Kaktus.

Gedanken über die Temperatur. Die Temperatur ist ein sehr merkwürdiges Phänomen.

Unberechenbar, erbarmungslos, launisch, und vor allem sehr relativ. Das subjektive Empfinden der Temperatur ist noch merkwürdiger. Die kälteste Temperatur, die wir als Umgebungstemperatur hier überhaupt erlebt haben, waren die 25°C mit der Klimaanlage im Hotel in Sansibar. Die erlebten wir vor allem nachts als so kalt, dass wir die Klimaanlage wieder abbestellt haben und nur noch unter dem Ventilator geschlafen haben, wo wir unsere gewohnten 30°C hatten. Im Haus unserer Tochter haben wir nur Ventilatoren. Und wie merkwürdig, dass man ohne Ventilator meint sterben zu müssen, während es mit Ventilator erträglich ist, obwohl das Thermometer beide Male genau die gleiche Temperatur anzeigt, z.B. nachts um 5:00Uhr 29°C im Normalfall. Insgesamt ist die Spanne an Temperaturen extrem klein (26-33°C).  Schwüle, windstille Witterung empfinden wir als das Unangenehmste. Nach starkem Regen ist es dafür nachts so frisch (26°C), dass wir uns ein Bettlaken überdecken müssen, sonst schlafen wir immer ohne alles. Wie relativ die Empfindung von Temperatur sein kann! Hitze und Powercut: im Bett liegen, auf den leisesten Windhauch hoffen, versuchen, die eigenen Gliedmaßen im Bett so anzuordnen, dass nicht Haut auf Haut zu liegen kommt, weil man dann gleich wieder nass ist. Man verrenkt sich, um das zu verhindern. Stellen meiden im Bett, die schon nass sind. Fächeln mit dem Kipepeleo hilft kurze Zeit, aber man schwitzt auch wieder von der Anstrengung.  Am Tag sagen auch die Tanzanier: joto sana leo (heute ist es aber heiß), obwohl das für sie doch der Normalfall ist. Sie tragen immer lange Kleidung, keine Hüte, sind oft schweißüberströmt, fächeln sich nie Luft zu, das ist hier nicht Teil der Kultur, schwitzen vor sich hin, akzeptieren es.

Diese Haltung hilft auch uns weiter: einfach sich ergeben, die Hitze hinnehmen und auf die Dusche hoffen. Das Schönste, was wirkliche Glücksgefühle erzeugt, ist der kühle Wind, auch an heißen Tagen, wenn man direkt am Meer unter der Banda sitzt und sich einfach nur anblasen lässt. Auf den Wegen und Straßen nimmt man Umwege in Kauf, um unter Bäumen zu gehen, wechselt unter Umständen mehrfach die Straßenseite. Ich trage einen Strohhut und kurze Hose, obwohl ich weiß, wie doof das aussieht. Der Rucksack wird, wie schwer er auch ist, meist nur über eine Schulter getragen, damit der Rücken nicht noch mehr vollgeschwitzt wird. Gut, dass die Zimmer keine Fensterscheiben haben, nur Drahtgeflecht gegen die Mosquitos. So wartet man auf den Wind, besonders, wenn Stromausfall ist. Zum Himmel gucken, ob nicht vielleicht doch eine klitzekleine Wolke kommt, die die Strahlung mindert. Ansonsten die Hitze einfach geschehen lassen, sich nicht wehren, das kostet zu viel Kraft. Also, nicht nur exotische Idylle.

Aber auch solche idyllischen Szenen: Zwei Mütter am Strand, Julia mit Elaine, einer irischen Freundin in ihrem Alter, die mit einem Kenianer ein Kind hat. Die Sonne steht tief, die Pilzschirme aus Palmblättern werfen lange Schatten. Die Mütter sitzen nebeneinander auf einer ganz nach vorne gestellten Bank des Kijiji-Resorts mit Blick auf den Indischen Ozean und stillen im kühlen Seewind ihre Cappuccino-Babys, vor ihnen nur noch der leicht abschüssige Strand, auf dem ein Hirte mit einer Schaf- und Kuhherde vorbei schlendert, Ibisse ziehen mit ihren großen runden schwarz geränderten Flügeln in Keil-Formation über uns. Schwärme von Alpenstrandläufern ziehen glitzernd im Hintergrund vorbei. Kaka ( Bruder , so ruft man gleichaltrige Kellner) bringt frisch gepressten kalten Passionfruitsaft, das Leckerste, was man sich vorstellen kann. Unten Wasserpfützen im weiten Korallen-Watt, in dem Kinder versuchen, kleine Fische und Krebse zu fangen, sie haben sich ihrer Kleidung entledigt und benutzen sie als Netzersatz. Octopusjäger mit ihren Lanzen sind unterwegs, um in den Tümpeln bei Ebbe zurück gebliebene Octopusse zu erlegen. Frauen in bunten Kangas wagen sich weit ins Watt hinaus, um Muscheln zu suchen. Einige balancieren große Eimer voller Muscheln und Langusten zurück ans Land. Große Brachvögel mit ihren langen gebogenen Schnäbeln stochern im Schlick nach Würmern. Muslimische Liebespaare sitzen am Strand und turteln hier unbeobachtet. Die 33°C merkt man nicht. Man hört nur das Meeresrauschen und das Kreischen der Limikolen. Etwas leiser das Rauschen der mächtigen Kokospalmen, die mit ihren gummiartigen Stämmen unbesiegbar zu sein scheinen. Die Zeit steht still. Ist das alles erlaubt, während die anderen korrigieren und im Weihnachtsgeschenke-kaufen-Stress sind? Auf dem Nachhauseweg verabschiede ich mich noch vom alten Lehrer, er sitzt wie immer von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit abgewetzter grüner Uniform der Regierungspartei und Hut auf seinem Plastikstuhl, die verlebten Füße auf ein altes Stück Palmstamm gelegt, der halb im Sand versunken ist. Laala Salaama, schlaf gut.

Und dann die Kinder! Im Gegensatz zu den oft doch etwas langsamen und zurückhaltenden Erwachsenen, die selten von sich aus grüßen, krähen sie einem begeistert abends um 7 ein good morning zu. Ha, da haben sie aber nicht mit Lehrer Köttgen gerechnet, der endlich einmal belehrend aktiv werden kann und ihnen erklärt, dass man Good morning   nur am azubui sagt, am gioni aber Good evening . Beim nächsten Mal kommen noch mehr aus dem Hof gerannt, als wir vorbeikommen und reißen sich darum, uns das Good evening, hauaju entgegen zu schreien. Sind dann aber ganz enttäuscht, wenn wir nach kurzer englischer Antwort auch mal unser Kisuaheli zeigen wollen. Die Kleineren rufen häufig auch nur Mzungu, Mzungu! (Weißer) zu, verstehen aber leider die Ironie nicht, wenn wir mit Suaheli, Suaheli! (Schwarzer) kontern. Auf jeden Fall sind die Kinder immer herzerfrischend in ihrer Fröhlichkeit. Manchmal schleppen die 7Jährigen schon ihre neu geborenen Geschwister auf dem Rücken herum, so ist das in einer afrikanischen  Großfamilie. Die ganz Alten sind immer völlig gerührt, wenn wir sie unerwartet mit dem korrekten, aber sehr höflichen  Shikamoo (ich wasche Deine Füße) ansprechen. Sie kommen auf uns zu, schütteln lange die Hand (die andere fasst als Zeichen des Respekts an den Ellenbogen) und antworten mit dem arabischen Marhaba , loben unser Kisuaheli, tauen förmlich auf, und wir können unsere ganzen Smalltalk-Floskeln anbringen, die wir uns mühsam angeeignet haben.

Damit ihr aber nicht das Gefühl habt, hier sei alles easy going und wir immer nur urlaubsmäßig drauf, schildere ich einmal einen Tagesablauf. Jutta und ich wollen, was nicht so oft vorkommt wegen der vielen Alltagspflichten und verrichtungen, einen Tagesausflug zur Insel Bongoyo machen, um mal in einem Naturschutzgebiet zu baden, zu schnorcheln und zu wandern. Es gibt Berichte, dass vom Msasani Slipway ein Boot regelmäßig zur Insel fährt. Wir wollen es probieren. Um 6:00 Uhr aufstehen, wie immer. Die Sonne ist gerade aufgegangen, es ist angenehme 29°C im Zimmer, das Mosquitonetz muss hochgetüdelt werden, dabei aufpassen, dass man es nicht an den vielen Splittern und Nägeln am Bettgestell zerreißt. Die Geckos an der Wand fliehen in ihre Winkel. Prompt geht der Strom aus, jetzt schon um 6:00 Uhr Powercut! Mist! Der Ventilator bleibt langsam stehen, die 29°C entfalten ihre eigentliche Wirkung. Bloß nicht zu schnell bewegen! Beim Zähneputzen über dem wackeligen Waschbecken mit völlig verrostetem Abfluss aber auch wieder trotzdem in Bewegung bleiben, damit einen die Mücken nicht erwischen. Duschen mit einer Handbrause, die eigentlich nur ein Bidetschlauch ist, aus der ein schwächliches Wasserrinnsal kommt, das man aber trotzdem genießt. Besonders, wenn gerade frisches Brunnenwasser in die schwarzen Tanks gepumpt worden ist, weil die Wassertemperatur dann unter der Körpertemperatur liegt und erfrischend wirkt. Sonst sind die 40° Wassertemperatur nur erträglich, wenn man sie danach unter dem Ventilator trocknen kann. Die Handbrause wird auch für das Waschbecken benutzt, weil der Wasserhahn so verrostet ist, das er nicht mehr abzudichten ist, wir haben ihn mit einem extra starken Gummiband von Budnikowsky so in seine verrottete Dichtung reingepressst, dass er keinen Mucks mehr von sich gibt, aber eben auch nicht mehr funktioniert. Mich würde interessieren, ob es das Wort funktioniert im Kisuaheli überhaupt gibt. Eine Bemerkung noch zum Powercut: Tanzania hat nicht genug Energie (warum, bleibt ein Rätsel, so arm ist das Land nicht), deswegen wird der Strom rationiert. Das geschieht unvorhersehbar, morgens, abends, nachts, Länge ungewiss. Blöd, wenn man gerade was in der Waschmaschine hat, wie heute, und sie steht 10 Std. still bei 33°C. Im Internet haben wir jetzt eine Liste gefunden, wie der angebliche Plan für die Stromabschaltungen ist in den jeweiligen Regionen. Da steht für Kigamboni: Mo, 08-18:00. Mi, 08-18:00, Fr, 08-18:00. Schön wär s, wenn es nur das wäre. Die Zeiten stimmen nicht mit der Realität überein. Neulich hatten wir 3 Tage hintereinander keinen Strom. Heute Nacht wieder für 9 Stunden. Und das vor Julias erstem Arbeitstag. Die Muttermilch im Kühlschrank war verdorben. Dazu kommen die nicht geplanten Stromausfälle, wenn z.B. ein Trafo in die Luft fliegt. Das passiert gut zweimal die Woche. Also, weiter mit unserem Tagesbericht. Frühstück lassen wir heute ausfallen, durch den Powercut müsste man das Brot sowieso wieder mühsam in der Pfanne auf dem Gasherd toasten. Also mit Rucksack los, um zu sehen, wie wir zur Fähre kommen. Wir haben unverschämtes Glück: schon vor der Hauptstraße hält eine Bajaj (indische dreirädrige offene Motorrikscha), in der nur eine Kundin hinten sitzt. Eigentlich passt nur noch ein Mitfahrer dazu, aber solche Regeln sind in Tanzania aufgehoben. Wir quetschen uns dazu, müssen uns mühsam an dem verrosteten Gestänge festhalten, damit wir nicht an den offenen Seiten hinausfallen und stellen fest, dass wir einen der Crazy Drivers erwischt haben, der das wackelige Gefährt in halsbrecherischem Tempo erst über den schlaglochübersäten Feldweg, dann über die Hauptstraße jagt. Wir überholen die vielen mit Kokosnüssen völlig überladenen Fahrräder, deren riesige Last meterweit seitwärts herausragt, handgezogene Karren mit schweren 4m langen Eisenstangen. Gruppen von Menschen, die halb auf der Straße gehen und runtergehupt werden, Dalla-Dallas (halb zerfallene Kleinbusse ohne Fensterscheiben), die vollgepackt alle 50m anhalten, um Passagiere aufzulesen. Dabei lehnt sich ein Mitarbeiter die ganze Fahrt weit aus der offenen Tür und ruft wild gestikulierend in die verschiedenen Seitenwege  hinein das Fahrtziel. Erspäht er einen potentiellen Passagier, haut er mit der Hand auf das Dach und das Dalla-Dalla bleibt ohne Vorwarnung stehen, mit Glück fährt es etwas zur Seite, was aber nicht immer geht, weil der Straßenrand meist aus einer tiefen unregelmäßigen Abbruchkante besteht, die vom Regen immer weiter ausgewaschen wird. Überholt werden wir von wirklich gefährlich rasenden Kleinlastern, die auf der Ladefläche eine große Menge an Arbeitern transportieren. Wir kommen Gottseidank heil an der Fähre an, müssen vor den Motorradfahrern, die rücksichtslos auf ihren chinesischen Billigmodellen zur Fähre rasen, zur Seite springen (einen Bürgersteig gibt es nicht). Diese Motorräder gibt es übrigens auch in Taxifunktion, etwas für wirklich Lebensmüde oder Allahvertrauende. Nachdem wir dem schon beschriebenen Löwenkäfig entkommen sind und auf der Fähre oben Platz gefunden haben, atmen wir erst mal durch. Um dem nervigen Gefeilsche um den Preis zu entgehen, haben wir einen festen Taxifahrer, ein freundlicher älterer Herr namens Sherif, den wir nun anrufen. Wir verstehen ihn am Handy kaum, das Handynetz ist katastrophal, klingt wie ein in Marokko auf NDR2 eingestelltes Radio. Wir hören etwas von Service , aber Hakuna matata (kein Problem). Als wir drüben ankommen, erfahren wir, dass Sherifs Taxi zum Service in der Werkstatt ist, er ist aber trotzdem gekommen, hat sich einen anderen Taxifahrer geschnappt und begleitet uns nun mit diesem. Eigentlich wäre er zu Hause geblieben, aber gute Kunden versetzt man nicht, sagt er. Wie immer erklärt er uns die verschiedenen Botschaftsgebäude, den Palast des vorigen Präsidenten und wir parlieren über Wetter und Politik. Sein Englisch ist passabel. Er nimmt mit dieser Fahrt zwar nichts ein, hat aber Angst uns als Kunden zu verlieren. Das letzte Stück zum Ziel besteht wieder aus einer kilometerlangen Schlaglochpiste, die nur im Schritttempo zu bewältigen ist. Die Hauptstraßen sind aber gewöhnlich recht gut in Daressalam. Angekommen auf der Halbinsel der Reichen, sehen wir ein recht luxuriöses Geschäftszentrum mit Läden und Restaurants, fragen uns zum Bootsanleger durch und erfahren, dass es tatsächlich einen Fahrplan gibt. Weil noch Zeit ist, frühstücken wir erst, ein italienisch anmutendes Cafe, welch ein Luxus! Und es gibt tatsächlich ein English Breakfast für 10.000 (5,-€)! Wir sind im siebten Himmel. Zunächst allerdings (ist ja beim Himmel auch so) erst mal warten. Nach 10 Min. kommt das in Papierservietten eingewickelte Besteck, uns läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Nach weiteren 10 Min. kommt der Ketchup, Salz und Pfeffer. Dann schon nach 5 Min. ein halb gefülltes Glas Orangensaft. Ist schnell erledigt. Aus der Packung, aber immerhin. Dann bekommt jeder einen kleinen Teller mit einem nicht ganz durchgebratenen Rührei (aus einem Ei, also übersichtlich). Auf Nachfragen kommt nach weiteren 10 Min. Juttas Kaffee (Cappuccino steht auf der Speisekarte, der ist aber - wie immer -  aus). Mein Tee ist noch in weiter Ferne. Nach angemessener Wartezeit von 20 Min. kommt schließlich der ersehnte Teller mit drei dicken Bohnen in Ketchup, einer verschrumpelten Tomate und einem kleinen (aber leckeren) Würstchen. Dazu drei Scheiben kaltes Toastbrot, dessen Konsistenz so ist, dass man es durch einen einzigen Händedruck das Volumen auf ein Hundertstel komprimieren könnte (deswegen nehmen wir weite Wege in Kauf, um alle zwei Wochen das einzige annehmbare Brot in Daressalam zu kaufen, Germanbread ). Dazu tief gefrorene Butter, aus der man durch stetiges Abschaben einige Flocken auf das Toastbrot abstreifen kann. Als mein kalter Tee dann als Letztes kommt, müssen wir zum Bootsanleger, aber wir wollten ja sowieso mal abnehmen. Die Tickets werden auf einem Quittungsblock mit Kohlepapier handgeschrieben. Wir zahlen für die Bootsfahrt und für den Eintritt ins Naturschutzgebiet. Schön, dass hier was für den Naturschutz getan wird! Nur 40 Min. nach der vorgesehenen Zeit legen wir ab mit etwa 12 Passagieren, das kleine Boot soll uns zu einem größeren bringen, einem kleinen Kutter. Wir haben ihn fast erreicht, da winkt von dort schon einer ab: springt nicht an! Wir kehren um, keiner weiß, was passieren wird. Nach langem Palaver der Bootsunternehmer wird entschieden, dass wir mit einem anderen kleinen Boot (Speedboat genannt) zur Insel fahren. Also alle wieder zurück zum Anleger, wir steigen um in ein genau so großes, aber stärker motorisiertes Boot. Das ist natürlich nun voll beladen, der Rand liegt aber noch über der Wasseroberfläche. Nach ein paar Metern werden die beiden für 12 Passagiere zur Verfügung stehenden Schwimmwesten ihrer Bestimmung zugeführt: sie dienen den beiden vordersten Passagieren als Schutz vor dem starken Spritzwasser. Der Bootsführe macht es vor. Der Wellengang ist doch nicht ohne, vor allem als wir aufs offene Meer kommen. Die Insel ist aber schon in Sichtweite und Haie soll es hier nicht geben innerhalb der Korallenriffe. Wir erreichen nach etwas angespannter Fahrt ein paradiesisches Fleckchen: ein ganz kleiner Strand am Ende der Insel, mit 12 Bandas (aus Palmblättern geflochtene pilzförmige Dächer). Die Insel ist unbewohnt, es gibt nur diesen Platz, er hat eine kleine Hütte mit provisorischer Bar (Gaskühlschrank), drei lange Holzbretter führen über den glühend heißen Sand dorthin, zusammengehalten durch rohe Querbretter. Am Schluss fehlte wohl ein Brett, dafür ist eine ausgediente Computertastatur auf die Planken genagelt. Recycling afrikanisch. Hinter der Bar eine Freiluftküche durch Palmenblätter abgetrennt, offenes Feuer. Aber alles ungewohnt perfekt organisiert. Gleich nach Ankunft, wenn man seine Banda besetzt hat, kommt erst ein Tanzanier mit einem dicken Buch, wo man sich mit Namen, Herkunftsland, Telefonnummer einträgt. Dann kommt einer mit DIN A4-Quittungsblock und Kohlepapier. Dort wird für die Banda bezahlt, Quittung natürlich wieder ausführlich handgeschrieben. Man möchte sich gerade hinlegen, da kommt der Nächste. Block, Speisekarte. Das überrascht denn doch an diesem Ort. Man muss schon das Mittagessen bestellen, damit das Küchenteam planen kann. Mir ist schleierhaft, wie sie in dieser provisorischen Küche unter freiem Himmel so viele Gerichte herstellen (4), aber das erlebt man häufiger in Tanzania. Jutta bestellt crab with coconutsauce and chipsies , ist aber später entsetzt, als statt des erhofften Krabbengerichts ein ganzer großer Krebs vor ihr steht. Wir kämpfen uns gemeinsam durch den Panzer zum Fleisch vor. Ich nehme ganz profan Red Snapper mit Reis. Das Essen ist hervorragend, für ganze 5,-€. Dazu ein kaltes kilimandjaro . Aber zunächst machen  wir unsere Inselwanderung. Wir nehmen den mittleren Trail, der zum German House führt, wir sind gespannt. Der Weg geht über spitzes Korallengestein, links und rechts dorniges Gebüsch mit riesigen Kakteenbäumen, teilweise exotische Liliengewächse, undurchdringliches Dickicht, wo wir die erhoffte reiche Vogelwelt kaum entdecken können. Immerhin fliegt uns der Graubrustparadiesschnäpper über den Weg, mit seinen wunderschönen roten, extrem langen Schwanzfedern, die wie eine Schleppe fallen. Womit wir nicht gerechnet haben, ist, dass der Wind plötzlich fehlt, weil wir im Wald sind. Die Luft steht, 34°C, stellenweise brennt die Sonne senkrecht von oben, wir sind durch und durch nass, aber wir wollen ja das Abenteuer. Wir gehen einen Seitenweg, der zum Meer führt, eine schöne Bucht, aber leider ein großer brennender Müllhaufen voller Plastikabfälle, vor allem Plastikflaschen, die beim Brennen schwarzen Qualm abgeben. Soviel zum groß angekündigten Naturschutzgebiet. Auch bei der nächsten Bucht sehen wir einen großen Müllhaufen. Das ist ernüchternd in diesem Paradies. Das German House ein altes zerfallenes Steinhaus ohne Hinweisschilder, ohne erkennbare historische Bedeutung. Zurück wird es sehr dornig und kratzig, der Weg wird stellenweise von umgefallenen Kakteenbäumen und Dornensträuchern versperrt, die wir übersteigen müssen. Nach 2 Stunden sind wir zurück und gehen erst mal schnorcheln. Und da haben wir richtig Glück: vom Strand aus können wir direkt zum Korallenriff schwimmen, der Wasserstand ist auch gerade ideal, sodass wir direkt über den schönsten Korallen sind, in denen eine Vielzahl von buntesten Fischen schwimmen. Einige scheu, andere neugierig, auf uns zukommend. Die Farben- und Formenvielfalt ist einfach überwältigend. Fische, die von einem Künstler gemacht zu sein scheinen, in phantastischsten Farbkombinationen. Dann am Rand des Riffs, wo es steil abwärts geht, in dunkelblaue unergründliche Tiefe, sieht man größere Schatten schemenhaft, die aber für Schnorchler nicht erreichbar sind, darüber riesige Fischschwärme, silbern glitzernd oder hellblau oder türkis. Einer der schönsten Augenblicke der letzten Wochen. Nach dem Essen gehen wir mal nachsehen, wie die Küche eigentlich aussieht und wo der Abfall bleibt. Die Essensreste werden einfach ins Gebüsch geworfen, aber was ist das? Sofort kommen aus dem Dickicht einige große Warane, die sich sofort über die Hähnchen- Fisch- und Krebsreste hermachen. Zwei sind so groß wie kleine Krokodile. Für die Küchencrew offenbar normal, für uns ein spannendes Schauspiel, besonders wenn sich zwei Warane um die großen Brocken streiten. Also doch alles Öko hier? Weil uns die peinlich lauten besoffenen Norweger nerven, die mit einem eigenen Segelboot gekommen sind und die Idylle stören, gehen wir noch einmal schnorcheln, dann wird das letzte Boot angekündigt. Wir sehen den Kutter schon vor Anker liegen und freuen auf die stressfreie Rückfahrt. Der Kutter ist wie aus einem Kinderbuch, ein 70x70cm großes Führerhäuschen für den Käpt n, ansonsten schöne Holzbänke für die Passagiere. Die Fahrt verläuft problemlos, bis wir mitten auf See sind. Der Motor setzt stotternd aus. Ein Mann der Besatzung öffnet die mittlere Luke  an Deck, wo der Motor darunter sitzt, sofort schlägt uns dicker schwarzer Qualm entgegen. Hektische Herumgerenne. Wasser wird geholt. Einer steigt in das enge Motorhaus, kippt immer wieder Wasser in den Kühler, das allerdings sofort verdampft, da der Motor überhitzt ist. D.h. er kippt es eigentlich nicht in den Kühler, sondern zielt mit dem Kanister in Ermangelung eines Trichters einfach irgendwie in Richtung Einfüllstutzen. Das dauert ca. 15 Min. Es folgen vergebliche Startversuche. Wir werden etwas nervös. Dann wird Öl geholt (oder ist es Benzin?). Das wird in einen dünnen (2cm) Schlauch gegossen, ohne Trichter. Die Hand, die den Schlauch hält, ist schnell ölüberströmt, weil mehr als die Hälfte des Öls aus der dicken Ölflasche nicht in den dünnen Schlauch will. Startversuche ergebnislos. Jetzt wird neu überlegt. Der Plan: der Kutter soll abgeschleppt werden. Von Land wird das speedboat beordert. Die Mannschaft bis auf den Kapitän geht in ein motorisiertes Beiboot, das bisher mitgeschleppt wurde. Uns wird etwas mulmig. Warum gehen die alle von Bord? Hoffentlich nur, um Gewicht zu verringern. Das Speedboat kommt (wie gesagt, ein kleines offenes Boot mit stärkerem Motor). Allerdings landet das Abschleppseil erst mal im Wasser und mühsam wieder rausgefischt werden. Dann wird es am Speedboat das Abschleppseil absehbar so ungünstig angebracht, dass es den Außenborder fast abreißt. Schließlich hängt der Kutter am Haken, aber wir bewegen uns so langsam voran, dass es Stunden dauern würde, bis wir am Anleger sind. Ein Passagier übernimmt schließlich die Initiative und verlangt, dass wir nacheinander mit dem Speedboat befördert werden. Das gefällt dem Käpt n natürlich nicht, denn was ist dann mit seinem Kutter?  Dass die Weißen es immer so eilig haben müssen! Schließlich werden wir alle in das Speedboat gestopft, das danach bedenklich knapp über der Wasseroberfläche liegt. Wir sind 17 Leute! Aber es geht alles gut, wir kommen 2 Stunden verspätet am Anleger an. Unser Taxifahrer Sherif wartet schon auf uns, diesmal wieder mit eigenem Auto. Er erzählt, er sei schon um Viertel vor Fünf im Zentrum losgefahren, um uns pünktlich um Sechs abzuholen. Es sei eben Berufsverkehr, er kenne das. Und das für 5,-€! Ein weiteres Beispiel dafür, dass in Afrika Zeit keine Rolle spielt. Uns fällt ein, dass wir noch bei Zantel (arabischer Handyanbieter) vorbeigucken wollen, ob nach wochenlangem Warten endlich die Internet-Sticks eingetroffen sind. Julia muss ihren geliehenen bald abgeben, dann gibt es keinen Internetzugang mehr. Sherif sagt, Hakuna Matata, da fahr ich noch vorbei. Aber ich muss wegen des Berufsverkehrs einen kleinen Schleichweg nehmen. Er biegt ab in einen unbefestigten Seitenweg, vorbei an kleinen Bretterverschlägen, in denen Gemüse verkauft wird, es wird immer unwegsamer, schließlich muss sich der arme Toyota durch wirklich metertiefe Löcher quälen, dabei kreuz und quer umher kurvend, um den allertiefsten Löchern auszuweichen und einen Achsbruch zu vermeiden. Schließlich kommen wir in eine Gegend, die man nur noch allertiefstes Slum nennen kann, die tiefen Schlaglöcher sind hier bis zum Rand gefüllt mit schwarzem, blasenwerfendem, öligem Wasser, teilweise Riesenseen, die den ganzen Weg ausfüllen. Entgegenkommenden Fahrzeugen, kleinen LKWs, rasenden Motorrädern, klapprigen Landrovern, von  schweißtriefenden Arbeitern gezogenen Lastkarren muss umständlich ausgewichen werden, oft durch ein noch größeres Wasserloch. Manchmal müssen wir zurücksetzen oder lange warten, bis ein überladenes Dalla Dalla vorbeigefahren ist. Dazwischen laufen Tiere, Menschen mit schweren Lasten, Mütter mit Kindern auf dem Arm, ein unbeschreibliches Durcheinander. Direkt neben der schwarzen Brühe wird verkauft: Abendessen, Suppe, Obst, Kleidung, einfach alles. Leute sitzen auf Brettern, die über Ölfässer gelegt sind und essen seelenruhig ihr Ugali (fester gummiartiger Maisbrei) mit Soße. Alle müssen irgendwie durch die Schlammlöcher durch, der Toyota versinkt bis zu den Achsen darin. Wir fragen Sherif, was das denn hier sei. Msasani, ein ärmerer Stadtteil, wo es wohl geregnet habe, entgegnet er ruhig und offenbar völlig ungerührt von den Straßenverhältnissen. Aber auch hier: die Farben Afrikas! Frauen in schönsten Kangas, Kleidern, Gewändern umrunden geschickt die Schlammwüste. Wir sind trotzdem geschockt, denn so etwas hatten wir noch nicht gesehen, auch wenn wir uns sonst eher nicht in den besseren Vierteln aufhalten. Zeitmäßig hat sich die Abkürzung gelohnt, wir sehen auf der Hauptstraße bewegungslos stehenden Verkehr. Manche brauchen in Daressalam 3, manchmal 4 Stunden, um den Arbeitsplatz zu erreichen. Der Zantel-Shop hat aber leider schon zu, also umsonst den Umweg gefahren! Es wird dunkel, aber dank Sherifs guter Kenntnisse der Schleichwege kommen wir  durch den Berufsverkehr relativ schnell zur Fähre (Stau vor allem in Gegenrichtung). Vor der Fähre haben sich mitten auf der Straße Fischhändler platziert, die auf Tapeziertischen oder einfach auf der Straße zwischen den hupenden und qualmenden Bussen und Taxis ihren frisch gefangenen Fisch, Octopus und Krebse an die Pendler verkaufen. Daneben aber auch Stände mit Hemden, Handy-Akkus, Zahnbürsten, und vielem mehr. Um die Stände herum wälzt sich der wimmelnde Strom von Pendlern, die auf die Fähre wollen, von völlig heruntergekommenen Tagelöhnern in zerrissener, verschmierter Kleidung bis zum geschniegelten Geschäftsmann. Auf der anderen Seite das gleiche Bild, bloß hier im Dunkeln, da in Kigamboni wieder Powercut ist. Alle Straßen voll, teilweise Leute mit Taschenlampen, die Läden mit Öllampen, das Ganze nur erhellt durch die Scheinwerfer der Autos und Motorräder, unglaublicher Lärm durch Schreien, Autohupen, laute Musik. Die Rückfahrt wird erneut zum Abenteuer: unser Bajaj-Fahrer, der uns im Finstern eher sieht als wir ihn (weil wir als Weiße einfach besser zu sehen sind) rast, was das Zeug hält, weicht knapp unbeleuchteten Fahrradfahrern aus, sieht nichts, weil die Entgegenkommenden mit Fernlicht fahren, drosselt aber keineswegs die Geschwindigkeit, hupt mit seiner asthmatischen kleinen Hupe im Dunkeln Fußgänger von der Fahrbahn. Wir erreichen den Hof mit Mühe und Not, haben Gottseidank kein Kind in den Armen, lassen uns im nur von Kerzen beleuchteten Wohnzimmer in die Korbsessel fallen, um Julia und Tamim von unserem erlebnisreichen Tag zu erzählen .Wir erfahren, dass den ganzen Tag Stromausfall war, seit 12 Stunden.

Inzwischen haben wir einen Generator undefinierbarer Herkunft, wahrscheinlich chinesisches Modell, der hinter dem Haus vor sich hin dieselt, aber gut funktioniert. Waschmaschine, Backofen, Toaster, Wasserkocher gehen natürlich nicht damit, aber immerhin Kühlschrank, Licht und Ventilatoren, das ist ein Quantensprung an Luxus.

Wir unterstützen Julia beim Wiedereinstieg in die Arbeit. Sie muss jeden Tag die Arie mit Stillen, bürofein machen, Löwenkäfig , Fähre, Taxi, unfreundlichem KfW-Büro und allem Drum und Dran durchmachen. Wirklich eine Herausforderung! Dafür reparieren wir alles im Haus, was nicht funktioniert, kümmern uns zusammen mit Tamim um das süßeste aller Enkelkinder, kaufen ein, kümmern uns um neue Pflanzen für den Garten, ich fahre den Mitsubishi beim Ausparken gegen eine Palme und so haben wir eigentlich keine Langeweile. Und täglich sinniere ich über den Titel einer Tuten&Blasen -Komposition von Hans Schneidermann nach: Africa Ain t What It Used To Be .

Wir grüßen euch alle, genießt die Kälte!

Stefan Koettgen

3.1.2011

1. Reisebericht Tanzania

Liebe Freunde,

Kappenbülbül, Heiliger Ibis, Blaunacken-Mausvogel, Streifenliest, Weißkehlspint, Halsbandbartvogel, Rotbrustglanzköpfchen, Blauastrild, Sandregenpfeifer, Reiherläufer, Zimtroller u.v.m. Das sind die ornithologischen Highlights, die uns hier in Tanzania begeistern. Die meisten davon Vögel mit wunderschönsten bunten Farben, und wir brauchen dazu nicht mal in einen Nationalpark zu fahren, sondern nur morgens um 6:00 Uhr, wenn es hell ist, aus dem Haus zu treten, Fernglas um und schon geht’s los. Wir wohnen ja mit in Jules Haus, etwas außerhalb gelegen, in Kigamboni, auf einer Halbinsel gegenüber Daressalam. Eine eher dörfliche Gegend mit einigen besseren Häusern, aber auch vielen ärmlicheren Unterkünften. Gelegentlich haben sich Mzungus (Weiße) angesiedelt, es ist aber nicht die typische Mzungu-Gegend, sondern eher einheimisch. Das Meer (Indischer Ozean) ist 15 Min. entfernt, wunderschöne Sandstrände, teilweise mit schattenspendenden „Bandas“, kleine Schilfhütten, wo man etwas zu Trinken und zu Essen serviert bekommt. Hier lässt es sich am Tag gut aushalten, wenn mal wieder der Strom abgestellt wird, wie vor einer Woche (12 Stunden) oder vorgestern (24 Std.) und die Ventilatoren stehen bleiben. Dann wird es nämlich auch drinnen schnell 33°C warm, wie draußen im Schatten. Nachts im Bett ist es ohne Ventilator dann schon eine Herausforderung. Selbst mit Ventilator sinkt die Temperatur nachts drinnen selten unter 28°C. Wenn der Strom ausfällt, müssen wir selber wedeln, um den Schweißstrom in Grenzen zu halten. Dafür läuft man tags meist in kurzer Hose und barfuß herum, das ist schon ganz nett. Nuria ist mit ihren 2 Monaten ganz gut zurecht gekommen mit den Temperaturen, freut sich, dass sie nicht immer so eingepackt ist wie in Deutschland. Sie wird immer süßer, fängt an, erste Laute zu bilden und es geht ihr prächtig. Der Kinderwagen, mit dem wir sie manchmal über die Schlagloch- und Schlammpfützenübersäten Wege schieben, erregt immer großes Aufsehen, weil sowas hier gar nicht üblich ist, aber Nuria liebt solche Ausflüge. Nach Daressalam geht’s am besten mit  einem Badjadj  (kleine 3rädrige motorisierte offene Rikscha), 10 Min. Fahrt, dann zu Fuß mit der Fähre: Ticket kaufen am Schalter (100 Shilling, also 5 Cent), drei Meter nimmt es einem ein Kontrolleur wieder ab und wirft es in einen überquellenden Mülleimer. Warten in einer riesigen Wartehalle, die von massiven Gittern umgeben ist, ein glutheißer Löwenkäfig (Blechdach), bis die Fähre kommt. Trotz unerträglicher Hitze das richtige tansanische Leben: einige kommen mit ihren Ziegen, andere mit Hühnern, andere haben ihre Babys, was sehr verbreitet ist, mit Wollmütze bekleidet und in eine Wolldecke gehüllt, Verkäufer mit kleinen Mini-Wassertütchen (50ml) machen als Erkennungszeichen mit dem Mund Quietschgeräusche, die Erdnussverkäufer machen sich durch Klappern mit den Geldmünzen in der Hand bemerkbar, einzelne Zigaretten, Kaugummis, SIM-Karten, Zahnbürsten, alles wird angeboten. An der Wand ein riesiger unscharfer Bildschirm, über den Werbung flimmert (von einer chinesischen Firma gesponsert). Und die Farben Afrikas, die einen trunken machen: wunderschöne Frauen in Sahris, Tüchern, Kangas in allen nur denkbaren Farbkombinationen und Mustern, eine Farborgie, die einen verzweifeln lässt: warum sehen wir Mzungus bloß so scheiße aus, selbst wenn wir auch solche Farben trügen?

Die Gegensätze sind unübersehbar: alte klapprige auseinander fallende Autos, daneben vollklimatisierte SUVs, die auch in Massen herumfahren. Straßenhändler, die in zerrissener Kleidung einzelne Früchte anbieten, daneben der europäisch gekleidete Geschäftsmann, der mit seinen drei Blueberrys (oder wie heißen diese teuren Dinger) gleichzeitig telefoniert. Teures Hotel mit verspiegelten Fenstern neben einer riesigen Müllhalde, wo Plastikflaschen vor sich hin kokeln. Am Strand eine Gruppe junger Massai, die spielerisch ihre Kreis-Tänze mit hohen Sprüngen aus dem Stand aufführen. Sie sind wie alle Massai traditionell gekleidet (immer und überall) in umgehängte Tücher, die immer in Rottönen gehalten sind, aber in ganz verschiedenen Mustern, dazu einen umgehängten Dolch, einen langen Holzstock, auf den sie sich manchmal aufstützen und dann quasi stehend „sitzen“. Dazu an einem oder zwei Beinen oder Armen weiße Umwick-lungen, fantasievollen Kopfschmuck, eingeflochtene Zöpfe, mit Perlen und Schmuck versehen, Ohrringe. Viele tragen bunte oder silberne Halsketten, die beim Tanzen herumschleudern.  Die Schuhe bestehen aus chinesischen geschlossenen weißen Plastik-Sandalen, die für sich gesehen sehr hässlich sind, aber im Zusammenhang zum Gesamtkunstwerk gehören. Andere haben typische Recycling-Schuhe: alte Laufflächen von Autoreifen, die einfach mit Riemen an den Füßen befestigt sind. Wir gehen nah heran an die tanzende Gruppe und hören den magischen Gesang, mit gutturalen ostinaten Untertönen, Wechsel zwischen Einstimmigkeit und Akkorden und einer hohen melodiösen Oberstimme im Offbeat. Klingt wirklich archaisch. Die Jungs haben ihren Spaß, genießen das Zugucken, überbieten sich in hohen Sprüngen, jeder macht ein Sprung-Solo, auch zu zweit, in den Kreis hinein, am Ende ein lauter Schrei der ganzen Gruppe. Die Grundbewegungen des Kreises sind eigenartige schlangenartige Bewegungen, gegenläufig zwischen Kopf, Schultern und Hüften, dabei leichte einknicksende Bewegungen in den Beinen, alles sehr rund und beweglich, fremdartig. Magische Begegnung in der Abendsonne, wie aus einer anderen Zeit.

Vor unserem Haus spricht mich in gebrochenem Englisch der alte zahnlose Mann mit dem Buena-vista-social-Hut an, der jeden Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf seinem Plastikstuhl in der Kurve sitzt, manchmal eingeschlafen, manchmal im Gespräch mit anderen. Ich will gerade Eier holen gehen, und grüße ihn wie immer mit “Habari, salaama” Er steht doch tatsächlich auf und kommt auf mich zu: „Habari, bwena, I have a question, can you help me? What is the difference between overseas and abroad?“ (Das ist das, was ich verstehe). Ich erkläre es ihm, er scheint nicht ganz zufrieden, bedankt sich aber herzlich. Seine Schüler hätten ihn immer gefragt, und er habe es nicht gewusst. Es stellt sich heraus, dass er Lehrer an einer Primary School war. Von Lehrer zu Lehrer entwickelt sich ein Gespräch, meist in Englisch, aber auch mit Brocken von Kisuaheli, in dessen Verlauf sich der Anfangsirrtum herausstellt: er singt mir mit brüchiger Stimme vor: „My bonnie is over the ocean, my bonnie is over the sea“ Dann singen wir zusammen weiter unter der heißen Morgensonne und enden in der letzten Strophe: „brought back, brought back,…“ Und jetzt wird es mir klar, was er anfangs meinte: nicht „abroad“, sondern die Vergangenheitsform von „to bring“ konnte er seinen Schülern nicht erklären, obwohl er sie in Englisch unterrichtete. Als ich es ihm erkläre, ist er überglücklich, aber leider ist er ja nun schon pensioniert. Nun versteht er das Lied, was er viele Jahre lang mit seinen Schülern gesungen hat. Als ich ihm sagen, dass ich das gleiche Lied auch häufig mit meinen Schülern singe, holt er hoch aus und klatscht lachend mit seiner alten faltigen Hand in meine - überall in Afrika das Zeichen großer Verbundenheit und Freude – und verabschiedet sich begeistert. Das sind Begegnungen, die allein schon die Reise wert sind. Nächste Woche bin ich übrigens in der benachbarten Nursery School eingeladen, eine Musikstunde zu geben. Die Kinder sind 3 bzw. 4 Jahre alt, da muss ich wohl nochmal im Internet nachgucken unter Vorschuldidaktik. Mit ihren 4 Jahren sprechen die Kleinen schon bemerkenswert gut Englisch – wohl eine Privatschule. Ich bin sehr gespannt. Und auch schon etwas aufgeregt. Soll ich „My bonnie“ mit ihnen singen? Oder lieber „Anne Eck steiht’n Jung mit’n Tüdelband“? Odr lieber afrikanische Rhythmen?

Jetzt waren wir eine Woche auf Zanzibar, haben gestern ein wunderbares indisches Menü für 6,-€ gegessen, mit Blick auf den Indischen Ozean. Nachdem wir uns zuvor einen heftigen Sonnenbrand geholt haben, beim Schnorcheln im Korallenriff. Ramasan, ein Freund von Tamim (unserem Schwiegersohn) hat uns mit Tamims Boot hingefahren, er hat Mangos (ganz kleine gelbe), Samosas, Naan, Gurken, eine supersaftige Ananas, Kuchenstückchen und Getränke mitgenommen und wir sind nach dem Schnorcheln auf eine Sandbank gefahren, wo wir dann unter einem improvisierten Tuch-Dach ein Picknick gemacht haben. Um euch nicht zu neidisch zu machen, muss ich berichten, dass leider auch hier die Korallenriffe teilweise sehr zerstört sind, durch Harpunenfischerei und Schleppnetzfischerei und leider auch durch Fischen mit Sprengladungen (streng verboten, aber mangels Polizei nicht überwachbar). Trotzdem haben wir noch jede Menge bunter Fische gesehen, Clownsfische, die einem fast an den Fingern knabbern, Zebrafische, Buntbarsche u.v.m. In den Forodhani-Gärten dann das allabendliche 1001-Nacht-Spektakel: alles voller kerzenbeleuchteter Essstände mit gegrillten Calamares, Fisch- und Fleischspießchen, Salaten, Suppe mit Kichererbsenbällchen, frittierte Kartoffeln, Kokosbällchen, vieles Undefinierbare, frisch gepresster Zuckerrohrsaft mit Limonen(superlecker), Oktopusstückchen (die liegen auf einem Haufen, daneben ein Berg Salz und eine Schale Chilisauce. Mit Zahnstochern piekst man sich ein Stück auf, für 100 Tsh – 5 Cent, und tunkt sie in Salz und Sauce). Alles sehr ökologisch, es gibt kein Plastik, nur Pappteller und Zahnstocher, Gläser gegen Pfand. Über den Platz flanieren viele Touris, Suaheli, Inder, Araber, die Inder in ganzen Familien mit in farbenprächtigen Glitzerkleidern herausgeputzten Frauen und Kindern. Man setzt sich auf die Kaimauer und isst seinen Imbiss, guckt auf den Ozean oder über den Platz, freut sich, dass man sieht oder gesehen wird. Jungs springen mit Anlauf und Köpfer über die Kaimauer ins 5m tiefere dunkle Hafenbecken, die gläubigen Moslems unter ihnen in voller Kleidung. Alkohol gibt es übrigens keinen, dazu muss man in bestimmte Bars gehen. Das Ganze ein wenig unwirklich und märchenhaft, bis auf die peinlich schlecht gekleideten Touris, die in ganz kurzen Hosen, Hawaiihemden und Sandalen mit langen Socken unsere Kultur zum Gespött machen.

Ich könnte noch ewig weiter schreiben, mein Tagebuch umfasst schon viele viele Seiten, ich konnte nur kleine Ausschnitte übermitteln. Nur so viel: uns geht es gut, wir sind kerngesund (vom Sonnenbrand mal abgesehen – ja, ich weiß, „die Probleme möchte ich haben“ sagt ihr jetzt), fühlen uns wohl und sind seit heute wieder bei Tochter und Enkelkind in Daressalam zu sein, wo die Umzugsvorbereitungen (3 Straßen weiter Richtung Meer) und die improvisierten Weihnachtsvorbereitungen auf uns warten.

Wir lieben diesen Kontinent mit all seinen Schönheiten, Widersprüchen und deprimierenden Aspekten. Wir fühlen uns auch hier zu Hause.

Stefan Koettgen