Engagement lohnt sich...
dieses Motto zeigte sich am 25.5.2011 im Lessing- Gymnasium, nachdem sich im Februar 2010 die Schüler für die Erdbebenopfer in Haiti engagiert hatten, indem sie Dienstleistungen wie Schnee schippen, Nachhilfe geben, Babysitten und viele andere Tätigkeiten in ihrem Familien- und Freundeskreis angeboten hatten und ihr jeweiliges Honorar spendeten. Am Tag der offenen Tür 2010 erhöhte sich der Spendenbeitrag u.a. auch durch eine Versteigerung von Schüler-Kunstwerken. Der gesamte Spendenbetrag wurde aufgeteilt an die Welthungerhilfe und das Deutsche Rote Kreuz.
Wie bereits im Februar auf der Lessing -Homepage angekündigt, besuchte jetzt am 25.5.2011 der ärztliche Einsatzleiter des DRKs, Herr Prof. Dr. Joachim Gardemann, die Schule und bedankte sich bei den Schülern für ihren Einsatz in Form von zwei Vorträgen, die von einer Präsentation mit Originalaufnahmen aus Haiti und von weiteren Hilfseinsätzen des DRKs im Kosovo, in China und Ruanda begleitet wurden. Durch diese Veranstaltung erfuhren die Schüler aus erster Hand, wie die logistischen Vorbereitungen und die praktische Durchführung eines solchen Hilfseinsatzes ablaufen.
Das DRK arbeitet dabei mit sehr vielen unterschiedlichen Bereichen zusammen. Für die Einsatzplanung werden Satellitenaufnahmen des Unglücksbereichs durch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gegen Entgelt zur Verfügung gestellt. Außerdem koordiniert das DRK zusammen mit dem Auswärtigen Amt alle Einreiseformalitäten für die Helfer. Alle ehrenamtlichen Mitarbeiter müssen nicht nur über einen Beruf und Sprachkenntnisse (Englisch, Französisch, Spanisch oder Russisch) verfügen, sondern auch einen permanent vorhandenen Impfschutz vor allen Infektionen wie Malaria, Diphterie, Cholera, etc. vorweisen.
Finnland, Norwegen und Deutschland halten jeweils ein sogenanntes “Krankenhaus in Kisten“ vor und wechseln sich mit ihren Einsätzen ab. Aufgrund dieser Regelung ist sichergestellt, dass immer ein Land in Bereitschaft für den nächsten Einsatz ist. Je nach Einsatzort benötigt das DRK 24-48 Stunden um vor Ort mit der Hilfe zu beginnen. Natürlich besteht das Team nicht nur aus medizinischem Personal, sondern benötigt auch Techniker und Feuerwehrmänner.
Prof. Gardemann berichtete auch über die unterschiedlichen Auswirkungen eines Erdbebens, die man an den zerstörten Gebäuden erkennen kann. Sind die Häuser in sich zusammen gefallen, wie z.B. der Präsidentenpalast in Port-au-Prince, sprechen die Experten von einem “Pancake-Collapse“ . In solch einem Fall liegen wenige Trümmer auf der Straße, was für die Rettung und die Verkehrsinfrastruktur von Vorteil ist. Findet ein Beben statt, bei dem die Gebäude horizontal einstürzen, erschwert dies nicht nur die Bergung der Verletzten, sondern birgt auch ein größeres Risiko für die Opfer, in den Trümmern zu ersticken.
Das Hauptaugenmerk der Helfer gilt der Bergung und medizinischen Versorgung von Überlebenden. Die Bergung von Toten hat jedoch, entgegen landläufiger Meinung, keine Priorität, da von Toten keinerlei Infektionen mehr ausgehen können (ausgenommen bei der Pest). Dieser Umstand verwunderte die meisten Zuhörer im Saal.
Ein ganz anderer Aspekt, bezogen auf die ärztliche Behandlung, wurde den Zuhörern durch Röntgenbilder verdeutlicht, die nicht nur typische Knochenbrüche zeigten, sondern auch den Einschluss von Geschossen, deren operative Entfernung eine der häufigeren Maßnahmen der ärztlichen Helfer ist. Denn dort, wo Menschen um ihr Überleben kämpfen, herrscht leider auch Gewalt und Kriminalität. Die Frage nach Täter und Opfer stellt sich für die Hilfe der DRK -Mitarbeiter nicht, denn sie ergreifen keine Partei, sondern helfen jedem, der Hilfe benötigt. Auch die normale Geburtshilfe ist eine der Aufgaben des Teams, dem in der Regel Gynäkologen und Hebammen angehören. Fotos von Geburten aus dem Zeltkrankenhaus und auch von der Ladefläche eines Fahrzeugs veranlassten Prof. Gardemann den Zuhörern auch von den netten Erlebnissen dieser Einsätze zu berichten, die den Menschen und den Helfern die Kraft und die Hoffnung geben, dass trotz einer Katastrophe mit unendlich viel Leid und Not, das Leben weitergeht.
Das Thema der Neutralität der Helfer wurde besonders deutlich, als
Prof. Gardemann von seinen Einsätzen im ehemaligen Jugoslawien oder in Ruanda (ehemaliges deutsches Kolonialgebiet) berichtete, bei denen der humanitäre Einsatz des DRKs wegen kriegerischer Auseinandersetzungen nötig wurde und nicht aufgrund von Naturkatastrophen. Folgerichtig fragten die Schüler, ob er denn keine Angst bei seinen Einsätzen hätte. Er verneinte dieses und erklärte, dass sowohl das DRK bzw. das Internationale Rote Kreuz als auch der Rote Halbmond der islamischen Länder und der Rote Saphir Israels aufgrund ihrer Neutralität von der Staatengemeinschaft anerkannt würden und in der Regel deren Helfer auch nicht bei internen Konflikten (z.B. in Bürgerkriegen) angegriffen würden.
In diesem Zusammenhang erläuterte Herr Prof. Dr. Gardemann auch die Genfer Konventionen und nahm aktuell Stellung zur UNO-Resolution gegen den Machthaber Muammar al-Gaddafi, der in einer Rede die Aufständischen als Ratten und Kakerlaken bezeichnet hatte, die getötet werden müssten. Dies sei ein Aufruf zum Völkermord und erfordere ein Eingreifen der Vereinten Nationen.
In den Vorträgen gab es aber auch durchaus Momente, die das Publikum zum Schmunzeln brachten, als der Referent z. B. darauf hinwies, dass es sich auf den Fotos nicht etwa immer um dasselbe bunte Hemd handelte, das er als Kinderarzt trüge, sondern dass ihm seine Frau zehn gleiche Hemden für seine Auslandseinsätze geschenkt hatte.
Am Ende der Veranstaltung bedankte sich Prof. Gardemann noch einmal ausdrücklich bei den Schülern des Lessing-Gymnasiums für ihr Engagement und ihr Interesse und gab sogar der Hoffnung Ausdruck, dass jemand aus dem Kreise der anwesenden Schüler nach Beendigung der jeweiligen Ausbildung selbst bei Hilfseinsätzen tätig werden könnte.
Abschließend lässt sich feststellen, dass in diesen beiden Vorträgen eines Zeitzeugen Inhalte aus Geschichte, Politik, Erdkunde, Physik und Biologie vermittelt wurden, die bei Schülern und Lehrern durchweg auf großes Interesse stießen und sicherlich sehr zur Allgemeinbildung beigetragen haben.
Petra Wohlfart-Killen Mitglied im SEB-Vorstand








