NORDERSTEDT

Meine Schule

Michael Schick

Frank Lehm unterrichtet seit 13 Jahren Mathe und Physik am Norderstedter Lessing-Gymnasium. Der 47-jährige Lehrer

freut sich, dass er viele seiner Ideen an der Schule auch umsetzen kann.

                                                                                              Fotos: Michael Schick .      Ein Relikt aus vergangener Zeit: Lehrer Frank Lehm, 47, bewahrt den überdimensionalen

                                                                            Rechenschieber in der Physik-Sammlung auf. Direkt dahinter steht die jüngste Errungenschaft, das moderne Röntgengerät

Er ist Naturwissenschaftler und fühlt sich am wohlsten, wenn er seinen Schülern die Braunsche Röhre erklärt. Oder wie aus Sonnenstrahlen Strom wird, den man speichern kann. Oder wie sich die Ergebnisse einer Umfrage zum Mittagessen in der Mensa mit Tortendiagrammen veranschaulichen lassen.

Frank Lehm, 47, unterrichtet Mathe und Physik, am liebsten mit Bezug zum Alltag seiner Schüler. Er stellt eine Schule vor, deren Schwerpunkt nun so gar nichts mit Mengenlehre, Lichtbrechung oder Wahrscheinlichkeitsrechnung gemein hat. Denn die Musik spielt im Norderstedter Lessing-Gymnasium die erste Geige.

"Wir sind die einzige Schule im Kreis Segeberg, die Musik als profilgebendes Fach in der Oberstufe hat", sagt Schulleiterin Anette

Leopold, 62, die als Schul-Präsentator ganz bewusst keinen Musiklehrer ausgewählt hat. Frank Lehm soll und will zeigen, dass das Norderstedter Gymnasium mehr zu bieten hat als Streicherklassen, drei Chöre und eine überregional bekannte Bigband. Auch im Nawi- und Sprachenbereich herrsche ein gutes Niveau, die Fachbereiche müssten sich nicht hinter Gesang, Konzerten oder Musicals verstecken. Die Kollegen in den anderen Fächern leisteten hervorragende Arbeit: "Das bestätigen uns immer wieder ehemalige Schülerinnen und Schüler", sagt die Chefin.

1500 Geräte und Geräte-Sätze stehen in der Physik-Sammlung

Und zum Beweis für die hohe Priorität der Naturwissenschaften schließt Lehrer Lehm die Schatzkammer der Schule auf. "1500 Geräte und Geräte-Sätze stehen in der Physik-Sammlung, sie hat einen Wiederbeschaffungswert von rund zwei Millionen Euro", sagt Frank Lehm, der die Lernhilfen betreut und stolz die jüngste Errungenschaft präsentiert:

Das moderne Röntgengerät sieht unspektakulär aus, macht aber beispielsweise Quantenphysik für künftige Abiturienten anschaulich. 30 000 Euro hat die Stadt im vorigen Jahr spendiert, damit die Schüler der sechsten Klassen experimentieren können. Bisher wurde Physik erst ab Klasse sieben unterrichtet, das Turbo-Abitur hat den Nawi-Unterricht ein Jahr nach vorn geschoben. "Und wenn die Schüler selbst viel machen können und nicht nur zuhören müssen, vergehen auch 90 Minuten am Nachmittag schnell", sagt der Pädagoge, der seit 13 Jahren am Lessing-Gymnasium im Schulzentrum Nord arbeitet.

Auf dem Dach fangen 100 Module auf 242 Quadratmetern das Licht ein

Und sich hier sehr wohl fühlt. "Ich kann mich mit meinen Ideen voll entfalten, es gibt niemanden, der von vornherein nein sagt", begründet Lehm seine positive Wahrnehmung. Die Schule sei überschaubar, die Kollegen seien engagiert, sie springen ein und helfen mit, wenn neue Projekte wie die Mensa auf den Weg gebracht werden. Disziplinprobleme gebe es kaum, die Eltern seien engagiert und unterstützten die Lehrer.

Und schon stoppt Lehm seinen Weg durch das Schulgebäude an der Moorbekstraße. "Das sieht so unspektakulär aus, ist aber ein wichtiger Bestandteil des Schullebens", sagt der Pädagoge und zeigt auf die digitale Anzeige mit den roten Ziffern. Sie verraten den aktuellen Stand der Solarernte. Denn auf dem Dach fangen 100 Module auf einer Fläche von 242 Quadratmetern das Licht ein und wandeln es in Strom um. Seit 2001 läuft die Anlage, mit der das Lessing-Gymnasium beim Start bundesweit für Schlagzeilen gesorgte hatte. Die Photovoltaik-Anlage, die überwiegend Schüler in Eigenregie geplant und aufgebaut hatten, war vor zehn Jahren deutschlandweit die größte auf einem Schuldach.

"Jedes Jahr erzeugt die Anlage zwischen 26 000 und 28 000 Kilowattstunden. Das reicht, um neun bis zehn Vier-Personen-

Haushalte mit Strom zu versorgen", sagt der Physiklehrer, der die Modulstation auch für den Unterricht nutzt. Da können die Schüler beispielsweise sehen, dass Strom auch erzeugt wird, wenn die Sonne nicht scheint. Es sei erstaunlich, wie viel Ertrag Streulicht bringe.

Auch Lehms Kollegen, die Wirtschaft und Politik unterrichten, greifen auf die schuleigene Solaranlage zurück. Die finanzielle Entwicklung und die Erfolgsbewertung sind Unterrichtsgegenstand. Und der Blick auf die Finanzen fällt positiv aus: "Im nächsten Jahr werden wir den Kredit von gut zwei Millionen Euro wohl zurückzahlen können", sagt Lehm. Die Einnahmen stammen aus der Einspeisevergütung.

50 Gymnasiasten können jetzt in der neuen Mensa gleichzeitig essen

Schon geht es weiter zur neuen Mensa. 50 Gymnasiasten können in dem hellen Raum gleichzeitig essen. Die Gerichte kommen frisch auf den Tisch, gekocht von Jugendlichen, die nebenan von der Norderstedter Bildungsgesellschaft auf das Berufsleben vorbereitet werden, oder von Koch-Azubis. "Unsere Umfrage hat ergeben, dass fast bei jedem Gericht mindestens Zweidrittel der Schüler zufrieden oder sehr zufrieden sind", sagt Lehm, der, wie auch andere Kollegen, selbst regelmäßig hier isst. Der kulinarische Renner sind Eierpfannkuchen mit Schokopudding, für 2,50 Euro gibt es Nachtisch und Wasser dazu.

Die Mensa verschafft den Schülern nicht nur den erforderlichen Nahrungs-Nachschub, sie ist auch Sozialraum. Hier treffen sich die Schüler, klönen, lassen Dampf ab, ehe sie vor dem Nachmittagsunterricht noch draußen spielen. Nach der Mittagspause beginnen die 40 freiwilligen Ganztagsangebote, die von Chor und Theater über Mathe-AG, Robotik, Basketball, HipHop, Rugby und Fußball für Mädchen bis hin zu Französisch und Schülerzeitung reichen.

Die Mathe-AG hat sich unter der Regie von Lehms Kollegin Renate Eileck zum gleichermaßen beliebten wie erfolgreichen Klassiker entwickelt. Immer wieder nehmen die kleinen Knobelkünstler erfolgreich an den Mathe-Olympiaden teil, dieses Jahr fährt ein Junge aus der achten Klasse zum Bundesfinale.

Zwischen dem Lessing-Gymnasium und der Technischen Universität in Hamburg-Harburg existiert eine Kooperation, die Gymnasiasten schnuppern ins Ingenieur-Studium oder andere Studiengänge hinein, nehmen am Frühstudium teil, können schon studieren, wenn sie noch zur Schule gehen. Das ist Teil der Begabtenförderung.

Trotz G8 haben viele Schüler noch Zeit für außerunterrichtliche Aktivitäten

"Die Kurse sind nach wie vor gut besucht", sagt Lehm. Trotz G8 hätten viele Schüler noch Kraft, Zeit und Lust für außerunterrichtliche Aktivitäten. Die Befürchtung bei Einführung des Abiturs nach acht Jahren, dass die Gymnasiasten vor lauter Lernen keine Freizeit mehr hätten, hat sich am Lessing-Gymnasium nach Aussage von Lehrern und Schulleitung nicht bestätigt.

Lehm geht ein paar Schritte weiter in die Cafeteria, das Reich der Mütter, die ehrenamtlich Brötchen mit Wurst und Käse belegen und samt weiteren Snacks und Getränken in den Pausen an die Schüler abgeben. Verhungern dürfte niemand in der Schule, die nach einem der bekanntesten deutschen Dichter der Aufklärung benannt ist.

Die lauter werdenden Töne auf dem Rundgang verraten, dass wir ins Herz der Schule vordringen. Das schlägt musikalisch. Rund 320 Lessing-Schüler, und damit fast die Hälfte der gesamten Schülerzahl, wirken in Musik-AGs mit, in einem von drei Chören, einem von zwei Orchestern, einer von zwei Bigbands oder in der Percussion-Gruppe. 85 Jungen und Mädchen der Klassen fünf bis zehn besuchen den Musikzweig. Zusätzlich zu den obligatorischen zwei Musikstunden pro Woche haben sie eine Stunde vertiefenden Unterricht. In die Bewertung geht auch die Musik-AG ein, die zusätzlich belegt werden muss.

Konzerte wie die Sommerserenade auf dem Schulgelände sowie das Sommerkonzert im Festsaal am Falkenberg und die beiden Weihnachtskonzerte in der "TriBühne" haben eine festen Platz im Norderstedter Kulturleben. Sie sind regelmäßig ausverkauft. "Die Musik bereichert unser Schulleben und ist gut für das Schulklima, weil sich die Schüler über die Jahrgänge hinaus kennenlernen", sagt die Elternbeiratsvorsitzende Sabine Seliger-Contreras, 57. Erfolgreiche Auftritte stärkten das Vertrauen in das eigene Können und förderten die soziale Kompetenz. "Die Schüler merken, dass sie nur in der Gruppe etwas erreichen können", sagt die Elternsprecherin.

"Die Kooperation zwischen Lehrern, Eltern und Schülern funktioniert gut"

"Man lernt sich zu konzentrieren und durchzuhalten, an einer Sache festzuhalten, auch wenn es Rückschläge gibt," sagt Schülersprecherin Nicola Hansen, 17. Sie hatte sich ohne große Vorerfahrung, aber mit viel Neugier für den Musikzweig entschieden. "Man wird langsam an die Instrumente herangeführt, analysiert Lieder und wächst so Stück für Stück da rein. Man lernt das Lernen", sagt Nicola, die jetzt die elfte Klasse besucht und sich natürlich für das ästhetische Profil entschieden hat. Sie lobt die Kooperation mit Schulleitung und Elternvertretern: "Wir gehen sehr offen miteinander um, treffen uns regelmäßig, um anstehende Themen zu besprechen", sagt die Schülervertreterin.

"Scheuklappen gibt es bei uns aber nicht. Wir freuen uns natürlich auch über jeden Schüler, der mit Musik nichts am Hut hat und sich für einen unserer anderen Schwerpunkte entscheidet", sagt die Schulleiterin.

Nachsitzen

Unsere Probleme haben externe Ursachen, sagen einvernehmlich Schulleiterin, Elternbeiratsvor-sitzende und Schülersprecherin. Es fehlen Lehrer, die Räume reichen gerade so", die Klassen sind zum Teil zu groß, vor allem wenn 26 Schüler Spanisch neu lernen wollen. Die Stadt als Schulträger bemühe sich um die Schulen in Norderstedt, habe aber die Fassaden- Sanierung abgebrochen. Fenster schließen nicht, seit Jahren bemühe sich die Schule um Außenjalousien. Und ganz oben auf unserem Wunschzettel steht ein politisch verlässliches Schul- und Bildungskonzept", sagt die Elternbeiratsvorsitzende Sabine Seliger-Contreras mit Blick auf das seit Jahren währende ideologische Gezerre in Kiel. (ms)

 

Die Lessing-Schüler sind besonders musikalisch

Das Lessing-Gymnasium im Schulkomplex an der Moorbekstraße in Norderstedt wurde 1975 gegründet. 57 Lehrer unterrichten 710 Schüler, die nach acht Jahren das Abitur ablegen. Die Schule bietet das sprachliche, naturwissenschaftliche, ästhetische und gesellschaftswissenschaftliche Profil an. Welche Profile schließlich eingerichtet werden, hängt vom Wahlverhalten der Schüler ab.
Einmalig im Kreis Segeberg ist der musikalische Schwerpunkt, der mit dem Musikzweig beginnt und mit Musik als profilgebendem Fach in der Oberstufe endet. Zurzeit haben sich 59 Schüler der Klassen 11 bis 13 für das ästhetische Profil entschieden. Wer sich für den Musikzweig entscheidet, nimmt zusätzlich zum normalen zweistündigen Fachunterricht pro Woche an einer vertiefenden Stunde und einer Musik-AG (drei Chöre, zwei Orchester, zwei Bigbands oder Schlagzeug) teil.
In den Musik-AGs können auch Gymnasiasten mitwirken, die sich nicht für den Musikzweig entschieden haben. Wie groß die Musikbegeisterung an der Schule ist, wird dadurch deutlich, dass 320 von 710 Schülern in den Arbeitsgemeinschaften singen oder mit einem Instrument musizieren.
Insgesamt gibt es knapp 40 AGs am Lessing-Gymnasium, neben Musik hauptsächlich verteilt auf die Bereiche mathematischnaturwissenschaftlich, sprachlich und sportlich. Die Norderstedter Schule kooperiert eng mit der Technischen Uni Hamburg-Harburg (TUHH). Das Ergebnis ist unter anderem ein Robotik-Kursus, der regelmäßig angeboten wird. Lessing-Schüler können Kurse an der TUHH besuchen, besonders Begabte können ein Frühstudium absolvieren.
Bewährt hat sich auch das Nachhilfe- und Hausaufgabenhilfe-System, bei dem ältere Schüler nach einem verlässlichen Plan jüngere unterstützen. Ein Aushang verrät denen, die vor einer Arbeit noch Wissenslücken schließen oder die Hausaufgaben nicht allein bewältigen können, die entsprechenden Ansprechpartner. Mit dem Epochenunterricht verfolgt das Lessing-Gymnasium einen in Schleswig-Holstein einmaligen pädagogischen Ansatz: In den Klassen fünf und sechs werden jeweils drei Fächer in drei- bis vierwöchigem Wechsel mit jeweils sechs Stunden pro Woche unterrichtet. "So stellen wir ein Fach für eine bestimmte Zeit in den Mittelpunkt und schaffen einen Rahmen für Projektunterricht", sagt Schulleiterin Anette Leopold.
Und vor gut zehn Jahren wurde die damals größte Solaranlage auf einem deutschen Schuldach in Betrieb genommen. Zwei Abiturienten-Jahrgänge hatten das Projekt mit externer Hilfe auf die Beine gestellt. Noch immer liefern die 100 Module Strom, der ins Netz eingespeist und vergütet wird. Mitte 2012 sollen die Kosten von gut zwei Millionen Euro bezahlt sein. (ms